Beitrag Nr. 97660 vom 12.07.2006
Trotz IFRS sind Bilanzen kaum vergleichbar
Die Jahresabschlüsse 2005 aller an europäischen Börsen notierter Gesellschaften liegen vor. Die müssten sich dank der International Financial Reporting Standards (IFRS) theoretisch besser vergleichen lassen. Tun sie aber nicht, meint Wirtschaftsprüfer Sven Hayn von Ernst & Young (EY) in seinem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ).
Die Anhänge der Bilanzen sind explodiert, so Hayn, nicht zuletzt weil die Unternehmen "den vollständigen Ansatz aller Vermögenswerte und Schulden" erbringen müssen. Die Firmen könnten sich zwar darüber freuen, dass die IFRS ihnen zumindest optisch bei der ersten Anwendung zu mehr Eigenkapital verhelfen - unmittelbar vergleichen lassen sich die Konzernabschlüsse des vergangenen Jahres jedoch nicht, stellt der EY-Experte fest.
Vier Ursachen für mangelnde Vergleichbarkeit
Hayn nennt dafür vier Gründe: Erstens bieten die internationalen Bilanzregeln den Firmen zwölf offene Wahlrechte, die sie beim ersten IFRS-Abschluss frei kombinieren können. Zweitens stehen in den IFRS auch "implizite Wahlrechte". Hinzukämen kulturbedingte Unterschiede, etwa "die Auslegung des Begriffs der Wahrscheinlichkeit ebenso wie die des Fair Value". Die dritte Quelle für Abweichungen ist das EU-Anerkennungsverfahren für die IFRS - hier ergäben sich, so Hayn, weitere Probleme dadurch, dass die IFRS-Regeln in die verschiedenen Amtssprachen übersetzt werden müssten. Als letzten Grund für die Unterschiede zwischen den einzelnen IFRS-Abschlüssen nennt der EY-Experte die Komplexität der Regeln selbst. So habe David Tweedie, Chef des Standardsetters International Accounting Standards Board (IASB) eingeräumt, "dass nicht alle Beteiligten die Prinzipien mehr verstehen".
Hayn befürchtet zudem, dass die Rechnungslegung "zu einer mathematisch ausgerichteten Wissenschaft entwickelt wird, die den eigentlichen Zielsetzungen der Information nicht mehr voll gerecht wird. Es sind Trends zu ersehen", so der Wirtschaftsprüfer weiter, "dass die Bilanzierung eines Sachverhalts die eigentliche Transaktion so überlagert, dass die Transaktion nicht mehr im Vordergrund steht". Aufgrund ihrer Schwächen könnten die IFRS nicht die Erwartung vergleichbarer Konzernbilanzen erfüllen. Sie würden stattdessen, meint Hayn, "bewusst alternative Vorgehensweisen bezüglich desselben Bilanzierungssachverhalts" zulassen. Die Anwendung der internationalen Regeln stelle deshalb "einen fortlaufenden Prozess dar". (kib)
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