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Beitrag Nr. 133698 vom 10.03.2008

Streit ums Zappelphilipp-Syndrom

Wissenschaftler diskutieren kontrovers über Ursachen und Therapie von ADHS

Am ersten März-Wochenende haben Psychiater in Frankfurt/Main auf der internationalen Fachtagung über "Psychoanalytische Perspektiven zur Entwicklung von ADHS und anderen Psychopathologien" diskutiert. Dabei sind zwei unterschiedliche Schulen aufeinandergetroffen: Die eine definiert die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) als angeborene neurologische Störung, die andere als Produkt der Gesellschaft. Entsprechend unterschiedlich sind denn auch die Empfehlungen für die Behandlung.

Vertreter der neurobiologischen Erklärung ist der New Yorker Psychiater Bradley Peterson. Seine Position untermauert er mit den Ergebnissen moderner bildgebender Verfahren wie der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), die bei den ADHS-Kindern anatomische Abnormitäten in den unteren Teilen der frontalen Hirnrinde zeigten. Stimulierende Medikamente wie Ritalin sollen die Hirnaktivitäten der Betroffenen verbessert haben.

Die Wirksamkeit von Medikamenten streiten auch die Vertreter der anderen Schule nicht ab, warnen aber vor deren exzessivem Gebrauch. Immerhin werden derzeit 1.221 Kilogramm Ritalin und Co. pro Jahr verordnet - 36-mal so viel wie 1993. Den Grund für den Erfolg dieses Verkaufsschlagers sieht Rolf Haubl vom Sigmund-Freud-Institut (SFI) in Frankfurt/Main darin, dass er Eltern und Lehrer entlastet. Mit der Diagnose ADHS und einem Rezept in der Tasche müssten sich die Eltern keine Gedanken mehr darüber machen, wie ihr eigener Lebensstil zu dieser Störung beitrage. Andererseits seien Schulen aus der Verantwortung entlassen, Unterrichtsformen zu suchen, die Kinder mit Aufmerksamkeitsschwierigkeiten dort abholen, wo sie stehen.

Die Psychiater vom SFI vertreten die Auffassung, dass vor allem Umwelteinflüsse wie das Temperament der Mutter, die familiäre Situation, Leistungsdruck in der Schule oder mediale Reizüberflutung für Unruhe, Unkonzentriertheit und Aggressivität der Kinder verantwortlich seien. Auch sie untermauern ihre Position mit Ergebnissen wissenschaftlicher Studien. Eine solche wurde an 14 Frankfurter Kindertagesstätten durchgeführt und habe bewiesen, dass allein mit psychosozialen und psychoanalytischen Angeboten - ganz ohne Pillen - ein Rückgang von Aggression, Ängstlichkeit und Hyperaktivität möglich ist. Im Rahmen dieser Präventionsstudie beobachteten die Experten die Arbeit der Erzieher, diskutierten mit ihnen über auffällige Kinder, sprachen mit den Eltern und organisierten bei Bedarf eine Therapie.

Die Schlussfolgerung der Wissenschaftler vom SFI: Wer schwierige Kinder ausschließlich medikamentös behandelt, verpasse die Chance, die wirklichen Ursachen der Störung zu erkennen und damit einen Weg zu finden, dem betroffenen Kind dauerhaft zu helfen.

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