Wie können Unternehmen Bestechungs- und Korruptionsrisiken besser handhaben?

Ein Interview mit Kathryn Higgs, Leiterin Business Integrity, Transparency International

Kathryn Higgs, Leiterin des Business Integrity Programmes, Transparency International

Kathryn Higgs ist Leiterin des Business Integrity Programmes von Transparency International. Zuvor war sie bei Tesco für Ethics und Compliance zuständig und arbeitete als Chief Compliance Officer bei Balfour Beatty. In einem Exklusivinterview mit LexisNexis erklärte sie, dass Technologien das Risiko von Bestechung und Korruption für Unternehmen vergrößert haben, dass sie jedoch bei richtiger Anwendung auch dabei helfen können, Risiken besser zu bewältigen.

Welche zwei wesentlichen Kriterien sollte ein Unternehmen berücksichtigen, um das Risiko von Bestechung und Korruption zu verringern?

Higgs: Was ein Unternehmen zunächst und vor allen Dingen braucht, ist eine Geschäftsleitung, die das Thema ernst nimmt. Stimmt der „Tone from the top“ nicht, sind die meisten Maßnahmen von Vornherein zum Scheitern verurteilt. Das zweite Kriterium ist eine Risikobewertung des Betriebs. Es muss ermittelt werden, welche Formen Bestechung und Korruption in der spezifischen Branche annehmen können. Dieses allgemeine Risikoverständnis muss dann konkret auf die eigenen Geschäftsabläufe angewendet werden, um daraus die nötigen Schritte zum Umgang mit dem Risiko abzuleiten.

Wie sieht eine solche Risikobewertung in der Praxis aus?

Higgs: Unternehmen müssen sich anschauen, wo ihre Geschäfte stattfinden und welche Geschäftstätigkeit genau ausgeübt wird. Sie müssen sich dabei wirklich sämtliche Geschäftsabläufe ansehen. Nicht nur das, was sie als ihr Kerngeschäft verstehen. Sie sollten im Hinterkopf behalten, dass es nicht unbedingt die größten Einheiten sind, in denen die Hauptgeschäftstätigkeit stattfindet, die die größten Risiken beinhalten, sondern vielmehr oft die kleineren Aktivitäten in der Peripherie, die Forschungsbereiche und die Abläufe, die mit einem minimalen Budget abgewickelt werden. Große Unternehmen führen möglicherweise Nebengeschäfte oder andere Aktivitäten, die keine wesentlichen Umsätze für das Unternehmen generieren und daher nicht auf dem Radar der Geschäftsleitung sind.

Nehmen CEOs Bestechung und Korruption heutzutage ernster als früher?

Higgs: Ich glaube, dass sich CEOs und die Geschäftsleitung insgesamt inzwischen mehr mit Bestechung und Korruption befassen. Aber nicht alle Unternehmen betrachten das Thema auf die gleiche Art und Weise. Manche schauen sich die Risiken an, weil sie sich der Gesetzeslage bewusst sind und wissen, dass sie auf Nummer sicher gehen müssen. Für sie ist das lediglich eine lästige Pflicht und sobald ein entsprechendes Programm eingeführt wurde, ist die Sache vom Tisch. Aber die Bewältigung von Risiken kann man nie komplett abhaken. Unternehmen brauchen fortlaufende Programme für das Risikomanagement.

Einige Unternehmen haben eine ziemlich ausgefeilte Herangehensweise an die Bewertung ihrer Risiken und deren Relevanz für ihre Geschäfte, und sie analysieren diese auf eine ziemlich technische Art und Weise.

Dann gibt es noch eine dritte Gruppe von Unternehmen, die den fortschrittlichsten Risikoansatz verfolgen. Sie konzentrieren sich auf Nachhaltigkeit, sehen in Risiken nicht nur die rechtlichen Aspekte, sondern erwägen vielmehr deren etwaige Auswirkungen auf ihre Marke, ihren Ruf und ihre Fähigkeit, talentierte Mitarbeiter anzuwerben und einzubinden, denen diese Themen am Herzen liegen. Solche Unternehmen machen das Risikomanagement zu einem Teil ihrer DNA und betrachten es aus einer Perspektive der Wertschätzung. Ihre Motivation speist sich aus den daraus erwachsenden Vorteilen und nicht den möglichen Strafen.

Welcher dieser drei Typen von CEOs war bislang am erfolgreichsten?

Higgs: Man findet heute weltweit CEOs, die über die Auswirkungen ihrer Unternehmen auf die Gemeinden, in denen sie aktiv sind, sprechen. Solche Führungspersonen wissen, dass sich der Zweck ihres Unternehmens nicht allein in Zahlen, Aktienkursen und Gewinnmaximierung ausdrücken lässt. Sie legen Wert darauf, welche Einflüsse ihr Unternehmen hat und welches Erbe sie als CEO hinterlassen werden. Sie kümmern sich um das Wohlbefinden und die Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter in deren alltäglicher Arbeit und möchten, dass diese das Gefühl haben, in einem Unternehmen zu arbeiten, das einen positiven Einfluss auf die Welt ausübt.

Inwiefern profitieren CEOs und Unternehmen von einer Verpflichtung zu ethischem Verhalten?

Higgs: Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass Unternehmen, die ihre Geschäftstätigkeit an einem nachhaltigen, positiven und wertorientierten Modell mit guter Unternehmensleitung ausrichten, tatsächlich erfolgreicher sind. Letzten Endes sind das besser geführte Firmen, die aller Wahrscheinlichkeit nach auch profitabler arbeiten. Dafür gibt es mehrere mögliche Gründe. Wenn Sie als Unternehmen in direktem Kontakt mit Verbrauchern stehen, kann ein wertebasiertes Geschäftsmodel Kunden anziehen, weil Sie als Unternehmen wahrgenommen werden, dem wichtige Themen am Herzen liegen. Wenn man ein ethisches Geschäftsmodell verfolgt und seine Bestechungs- und Korruptionsrisiken im Griff hat, verringert dies die Gefahr, dass etwas schiefgeht und man einem Bestechungs- oder Korruptionsskandal gegenübersteht.

Welchen konkreten Schaden können Unternehmen durch Bestechungs- und Korruptionsskandale erleiden?

Higgs: Nachdem ein Unternehmen das Problem festgestellt hat, entstehen Kosten für die Untersuchung des Falls. Das können externe Kosten für eine juristische Beratung sein oder interne Kosten, da Mitarbeiter von ihrer eigentlichen Beschäftigung abgezogen werden müssen und unzählige Stunden damit zubringen, an der Untersuchung mitzuwirken oder an Gesprächen teilzunehmen. Danach entstehen Kosten, wenn das Unternehmen von einer Regulierungs- oder Polizeibehörde untersucht wird und mit dieser interagieren und verhandeln sowie sich bei der strafrechtlichen Verfolgung verteidigen muss. Natürlich gibt es außerdem die Kosten gerichtlicher Schlichtungsverfahren, aber wenn man sich die zehn größten FCPA-Vergleiche anschaut, wird klar, dass die Kosten für Rechtsberatung normalerweise ebenso hoch sind wie die möglicherweise anfallenden Strafen.

Danach muss man investieren, um die Geschäfte neu anzukurbeln, den Schaden für die Marke und den Verlust an Kunden auszugleichen sowie die Risiken weiterer Gerichtsverfahren abzuwenden, wie zum Beispiel Sammelklagen von Aktionären oder Mitbewerbern. Wenn eine Marke einmal Schaden erlitten hat, kann es sehr lange dauern, bis sie sich wieder erholt. Manche Zwischenfälle bei kundenorientierten Marken liegen ein Jahrzehnt zurück, und dennoch bringt die Öffentlichkeit das Unternehmen immer noch damit in Verbindung. Insofern kann es über eine Dekade dauern, bis die Absätze für Produkte und Dienstleistungen wieder das Niveau erreichen, das sie vor dem Skandal hatten.

Wie sieht ein gutes Due-Diligence-Programm aus?

Higgs: Durch eine Risikobewertung erhalten Sie einen Überblick über alle Arten von Drittparteien, mit denen das Unternehmen in Geschäftsbeziehungen steht. Das können Kunden sein, Dienstleister, Geschäftspartner oder Kandidaten für Fusionen und Übernahmen. Basierend darauf können Sie einschätzen, welches Risiko-Level von jeder dieser Parteien auf Ihr Unternehmen wirkt, wobei auch berücksichtigt wird, in welcher Gerichtsbarkeit sie jeweils tätig sind. Haben Sie diesen Überblick erstellt, müssen Sie festlegen, welches Maß an Due Diligence jeweils für die Dritten angemessen ist. Die Parteien mit dem höchsten Risiko erfordern auch entsprechend strenge Due-Diligence-Maßnahmen. Das reicht von Desktop-Recherchen und Geschäftspartner-Fragebögen, bis hin zu Vor-Ort-Besuchen und Gesprächen über den Umgang mit Bestechungs- und Korruptionsrisiken oder entsprechenden Schulungen im Rahmen einer Geschäftsbeziehung.

Unternehmen sollten außerdem in Erwägung ziehen, für bestimmte zu besetzende Stellen eine Due Diligence durchzuführen. Dies kann beispielsweise wichtig werden, wenn Sie einen neuen Vorsitzenden, CEO, Finanzdirektor oder CFO einstellen möchten, der einen Einflussbereich mit hohem Risiko haben wird. Der Compliance-Beauftragte sollte sich mit den aussichtsreichen Kandidaten unterhalten und erfolgreichen Anwärtern eine entsprechende Schulung bieten.

Wie sollten Technologien zu Due-Diligence-Zwecken verwendet werden?

Higgs: Der Einsatz von Technologien ist angesichts des schieren Umfangs an Due-Diligence-Aufgaben, die es zu bewältigen gilt, eine bewährte Methode. Das gilt vor allem für große Unternehmen. Es reicht nicht aus, eine Google-Suche auszuführen. Das ist zwar ein guter Ausgangspunkt, aber man muss die qualitativ hochwertigen Ergebnisse ausfiltern und das Niveau der Quellen einschätzen. Und mit Google ist man in erster Linie auf Nachrichten und Blogs über das Verhalten von Unternehmen angewiesen.

Insofern ist es für ein effektives Due-Diligence-Programm wichtig, einen Dienst zu nutzen, der einem beispielsweise auch Zugriff auf Informationen aus PEP-Datenbanken (Politisch exponierte Personen) oder Sanktionslisten bietet. Je nachdem, mit wie vielen Drittparteien ein Unternehmen zu tun hat, kann es extrem nützlich sein, eine entsprechende Plattform einzusetzen, um eine hohe Arbeitslast bewältigen zu können. Heutzutage gibt es viele Plattformen, die ein kontinuierliches Monitoring ermöglichen, sodass man seine Due Diligence zu Drittparteien immer wieder gründlich und korrekt auffrischen kann.

Wie sieht es mit den Risiken von Menschenrechtsverletzungen aus?

Higgs: Für uns ist der Kampf gegen die Korruption eine Frage der Menschenrechte, da korrupte Handlungen häufig mit Verstößen gegen die Menschenrechte einhergehen. Die Prüfung auf Verstöße gegen Menschenrechte sollte in die Due Diligence für Drittparteien integriert sein und ähnlich durchgeführt werden wie die Bewertung der Bestechungs- und Korruptionsrisiken. Man könnte beispielsweise in Erwägung ziehen, Standorte von Geschäftspartnern in Branchen mit vielen technisch gering qualifizierten Angestellten in Gebieten mit hohem Risiko für moderne Sklaverei zu besuchen und untersuchen.

Welche wesentlichen Trends konnten Sie in Sachen Bestechung und Korruption feststellen?

Higgs Bestechung und Korruption sind keine statischen Angelegenheiten. Es tauchen ständig neue Risiken auf, und Straftäter sind kreative Menschen, denen immer neue Wege einfallen, um das System zu umgehen. Bei einer Schachpartie bewegen sich nicht nur die weißen, sondern auch die schwarzen Figuren. Man kann also nicht einfach ein Programm einführen und dann davon ausgehen, man habe alle Risiken abgedeckt. Denn diese entwickeln sich fortwährend weiter.

In der Technologie verändern sich die Dinge oft rasend schnell. Und das ist für Unternehmen beim Umgang mit Bestechung und Korruption sowohl eine Herausforderung als auch eine Hilfe. Kriminelle machen sich die Technologie zunutze, aber technische Fortschritte führen auch zu neuen Mitteln im Kampf gegen die Korruption. Davon abgesehen macht die Technik es wiederum schwerer, Korruption aufzuspüren. Man denke nur an Verschlüsselungen in der Kommunikationstechnologie oder an Snapchat, wo nichts gespeichert wird. Insofern gibt es definitiv neue Risiken, die durch die technische Entwicklung verursacht werden.

Ein weiterer neuer Trend besteht darin, dass die Compliance-Abteilungen einem konstanten Druck ausgesetzt sind, die Risiken so kosteneffizient wie möglich zu verwalten, gleichzeitig aber angehalten sind, immer exakter und ausgeklügelter vorzugehen. Ein Teil dieses Drucks rührt vom falschen Eindruck der Geschäftsleitung her, dass sich Risiken abdecken und endgültig bewältigen ließen. Vor diesem Hintergrund ist die Technologie ein wichtiges Hilfsmittel, um den Druck auf die Compliance-Teams etwas zu mindern.

Warum ist es so wichtig, dass Unternehmen das Vertrauen ihrer Kunden und Investoren gewinnen?

Higgs: Vertrauen ist ein essentieller Bestandteil jeder Beziehung im Leben, die Erfolg haben soll. Unternehmen sind keine Maschinen. Sie können nicht entworfen werden, sondern bestehen aus einer Ansammlung unterschiedlicher Menschen. Aus diesem Grund muss es intern Vertrauen in das Unternehmen geben. Und die Kunden sind ebenfalls Individuen. Beziehungen sind für erfolgreiche Unternehmen von entscheidender Bedeutung, und Vertrauen ist eine Grundvoraussetzung für erfolgreiche Beziehungen.

Ich glaube, dass Menschen mit Unternehmen etwas nachsichtiger sind. Und Daten zeigen, dass Unternehmen, die in Bestechungsfälle verwickelt sind, nicht automatisch das Vertrauen ihrer Kunden und der Öffentlichkeit verlieren, sofern sie nachweisen können, dass dies nicht die Regel ist, dass das Unternehmen dieses Verhalten nicht gutheißt und dass es aktiv daran arbeitet, das Problem anzugehen und zu lösen, damit derartige Vorfälle sich nicht wiederholen. Die Öffentlichkeit ist bereit, einem Unternehmen zu verzeihen, sofern dieses einen klaren Plan für die nötige Wiedergutmachung und Prävention vorlegen kann.

Kathryn Higgs, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Salvatore Saporito.

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