Experteninterview: Inwiefern trägt CSR zum Unternehmenswert bei?

Foto von Raijita Kulkarni

Rajita Kulkarni ist Präsidentin des World Forum for Ehtics in Business (WFEB). Diese gemeinnützige Stiftung setzt sich für Ethik in der Wirtschaft und Unternehmensführung ein. Das WFEB tritt unter anderem als Organisator internationaler Symposien zum Thema Ethik im Sport und in Bezug auf Jugendliche auf. In einem Exklusivinterview mit LexisNexis erzählt uns Rajita Kulkarni, dass die Beweise für die Vorteile ethischen Handelns in der Wirtschaft inzwischen überwältigend sind.

Warum ist es wichtig, dass Unternehmen Themen wie Ethik, gute Unternehmensführung und Nachhaltigkeit aufgreifen?

Kulkarni: Dass wir uns in Führungspositionen an die höchsten moralischen und ethischen Standards halten, sollte die Norm sein. Und es gibt genügend Belege dafür, dass das wichtig ist.

Einer Schätzung der Weltbank zufolge belaufen sich die Verluste aufgrund von Korruption auf 1,3 Billionen US-Dollar. Diese Summe umfasst nur die jährlichen Transaktionen weltweit. Berücksichtigt wurden dabei jedoch weder die großen Investitionsverluste, Entwicklungen im Privatsektor und das Wirtschaftswachstum in einzelnen Ländern noch die steigende Kindersterblichkeit, Armut und Ungleichheit – allesamt Folgen von Korruption und Misswirtschaft. In Ländern, in denen es mit der staatlichen Führung, der Rechtstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung nicht zum Besten steht, ist die Bürgerkriegsgefahr um 30-45 % höher. Dies wirkt sich direkt auf die wirtschaftliche Entwicklung und die gesellschaftliche Wohlfahrt aus.

Aktuelle Umfragen im internationalen Management zeigen, dass Korruption mehr als einem Drittel der Befragten zufolge für einen Anstieg der internationalen Projektkosten von über 10 % sorgt. Ein Sechstel glaubt sogar, die Kosten würden aufgrund von Korruption um mehr als 25 % steigen.

Für Unternehmen gibt es jedoch noch weitere Negativfolgen, wenn Korruption herrscht und Ethik unter Druck gerät. So sinken laut einem 2013 von der Association of Certified Fraud Examiners (ACFE) veröffentlichten Bericht die Unternehmenseinnahmen durch Betrugsfälle pro Jahr um schätzungsweise 5 %. Diebstahl allein kostet Unternehmen ganze 660 Milliarden jährlich (Meiners, 2005).

Unethisches Verhalten drückt die Leistungsfähigkeit und Mitarbeiterbindung. In einer aktuellen Umfrage unter Arbeitnehmern gaben 21 % an, das mangelnde Engagement des Arbeitgebers in Bezug auf Ethik sei ein Hauptgrund für eine Kündigung. Unethisches Verhalten kann sich auch negativ auf den Umsatz auswirken: So gaben im Rahmen einer Studie 80 % der Befragten an, die Entscheidung zur Abnahme von Produkten oder Dienstleistungen von dem Eindruck abhängen zu lassen, den sie vom betreffenden Unternehmen in ethischer Hinsicht haben. Unethisches Verhalten kann Aktienkurse negativ beeinflussen: 74 % der Befragten gaben an, dass sich ihre Wahrnehmung bezüglich der Ehrlichkeit eines Unternehmens direkt auf die Entscheidung auswirkt, ob sie Aktien dieses Unternehmens kaufen oder nicht.

Welches Risiko gehen unethisch handelnde Unternehmen ein?

Kulkarni: Unternehmen droht aus allen Richtungen Gefahr. Unethisches Verhalten führt langfristig zu Einbußen in Bezug auf Rentabilität, Kundenzufriedenheit und -treue, Mitarbeiterengagement und -bindung – ganz zu schweigen von den Negativfolgen für Marke und Ruf.

Inwiefern profitieren ethisch handelnde Unternehmen?

Kulkarni: Es gibt eine Menge Studien und Daten, die belegen, dass ethisch handelnde Unternehmen auf Dauer nachhaltig profitabel sind. Dem Ethisphere Institute zufolge lassen die Unternehmen mit den weltweit höchsten ethischen Prinzipien die S&P 500-Unternehmen in Sachen Aktienrenditen seit 2007 um durchschnittlich 7,3 % hinter sich. Ethisch handelnde Unternehmen erzielen nicht nur bessere Finanzergebnisse, sondern profitieren auch von gesteigerter Markenwiedererkennung und Kundentreue sowie stärkerer Mitarbeiterbindung. Auch Verbraucher sind bereit, für ethisch produzierte Waren deutlich tiefer in die Tasche zu greifen. Dies legt nahe, dass sozial verantwortungsbewusstes Handeln finanziell belohnt wird.

Unternehmen werden sich immer bewusster, dass ein ganzheitlicher Ansatz in Bezug auf Ethik und Compliance-Risiko für die Förderung und Aufrechterhaltung einer ethisch starken Unternehmenskultur ausschlaggebend ist und dass ethisches Handeln Wettbewerbsvorteile mit sich bringt.

WFEB-Gründer Sri Sri Ravi Shankar dazu: „Vertrauen ist der Atem der Wirtschaft, Ethik sind ihre Gliedmaßen und der moralische Aufbau ist ihr Ziel.“

Wie wichtig ist es, wie die Unternehmensführung mit Ethik umgeht?

Kulkarni: Ganz besonders wichtig, denn der Verhaltenskodex sollte von oben nach unten gelebt werden. Handelt die Geschäftsführung ethisch und stellt dies tagtäglich unter Beweis, wird damit die Norm für den Rest vorgegeben. Auf dieser Grundlage entsteht die Unternehmenskultur. Die Geschäftsführung ist dafür verantwortlich, mit gutem Beispiel voranzugehen. Auch wenn das Unternehmen wasserdichte Ethikregeln handhabt: Halten sich die Führungskräfte nicht daran, ist nachhaltig ethisches Verhalten unmöglich.

Sie arbeiten mit Führungskräften zusammen. Welchen Rat geben Sie ihnen, um Ethik in Unternehmen zu fördern?

Kulkarni: Ich vermittle ihnen drei Dinge: die Überzeugung, dass man ethisch handeln und profitabel wirtschaften kann, den Mut zum ethischen Handeln und die Verpflichtung, dieses Verhalten jeden Tag vorzuleben.

Das ist nicht immer einfach. Was helfen kann, ist innere Stärke. Ich selbst habe mithilfe von Techniken wie Meditation und Pranayama (Atemtechniken) gelernt, Kraft in mir selbst zu finden. Dadurch fühle ich mich umwelt- oder umstandsbedingten Problemen gewachsen.

Gibt es Länder oder Regionen, die in Bezug auf Ethik einen besseren bzw. schlechteren Ruf haben?

Kulkarni: Transparency International veröffentlicht jedes Jahr einen Korruptionswahrnehmungsindex mit einem Länderranking. Der Index zeigt deutlich, wie sich die Länder in Sachen Regierungsführung und Transparenz entwickeln. Regierungen weltweit ergreifen verstärkt Maßnahmen zur Bekämpfung und Eindämmung von unethischem Verhalten. Ich begrüße diese Maßnahmen.

Doch gleichzeitig müssen wir uns vor Augen halten, dass unethisches Verhalten beim Einzelnen beginnt. Von oben auferlegte Verhaltensregeln sind wichtig, aber wir müssen vor allem in jeden Einzelnen investieren und für die richtige Bildung sorgen. So stellen wir sicher, dass wir das Richtige tun – auch wenn niemand zuschaut.

Beobachten Sie Ethiktrends in der Wirtschaft? Nimmt zum Beispiel das Ethikbewusstsein in Unternehmen zu? Und wenn ja, warum?

Kulkarni: In jüngster Zeit haben wir die Kraft der Jahrtausende beim Streben nach zweckgerichtetem Wirtschaften beobachtet. Es müssen noch weitere Hürden genommen werden und ethische und menschliche Werte müssen in diversen Bereichen noch Fuß fassen. Aber wir beobachten auch eine Tendenz, dass „Geschäfte um jeden Preis“ als Triebfeder ausgedient hat. Stattdessen sind sich Unternehmer und deren Belegschaft immer mehr ihrer Gesellschaftsverantwortung bewusst.

Unternehmen weltweit setzen mehr und mehr auf über die konventionellen CSR-Strategien hinausgehende Wettbewerbsstrategien auf Grundlage positiver Gesellschafts- und Umweltfaktoren, wie Impact Investing, Shared Value, inklusiver Kapitalismus und das Drei-Säulen-Modell. Das freut mich. Diese Unternehmen generieren Shared Value, indem sie gesellschaftliche Bedürfnisse ansprechen und gleichzeitig das Unternehmensergebnis unterm Strich verbessern.

Wie kann ein Unternehmen Technologie zugunsten von ethischem Handeln und besserer Unternehmensführung einsetzen?

Kulkarni: Unternehmen von heute profitieren davon, dass sie Technologie, Telekommunikation und soziale Medien zur Bewusstseinssteigerung in Sachen Ethik nutzen können. Mithilfe von Kampagnen, Programmen und digitaler Kommunikation bleiben sie fortlaufend mit der Belegschaft in Verbindung. So kann beispielsweise die Aufmerksamkeit auf Erfolgsgeschichten gelenkt werden, die dann als Benchmark und Standardvorgabe fungieren. Online-Training und -Weiterbildung können in Einarbeitungsprogramme für neue Mitarbeiter integriert werden. Und man kann Apps entwickeln, die bei der ethischen Entscheidungsfindung helfen. Es gibt heute überall auf der Welt zahlreiche Beispiele, die als Vorbild dienen.

Frau Kulkarni, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Salvatore Saporito.


Zur Person

Salvatore Saporito ist Associate Head of Sales und seit 2003 bei der LexisNexis GmbH. Er studierte an der Universität zu Köln Wirtschaftswissenschaften (Betriebswirtschaftslehre) mit dem Abschluss Diplom-Kaufmann. Er ist Mitglied im Deutschen Institut für Compliance (DICO), dem Berufsverband der Compliance Manager (BCM), in der DGI Fachgruppe Compliance sowie im österreichischen Compliance Praxis Netzwerk. Salvatore Saporito ist regelmäßig Referent zum Thema Geschäftspartnerüberprüfung.

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