Experteninterview: Soziale Verantwortung von Unternehmen nimmt zu

Foto von Alison Taylor

In unserer Serie „Q&A mit Experten“ sprechen wir diesmal mit Alison Taylor, Geschäftsführerin von Business for Social Responsibility (BSR), einer gemeinnützigen Organisation, die mit Unternehmen und anderen Partnern nachhaltige Geschäftsstrategien erarbeitet.  Sie berichtet LexisNexis davon, dass Unternehmen, den Themen Umwelt, Soziales und Governance sowie den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen eine höhere Priorität beimessen, und signalisiert, dass die Verwendung von Daten zur „existentiellen Frage“ für alle Unternehmen wird.

Was sind die wichtigsten Nachhaltigkeitstrends in der Wirtschaft in den letzten Jahren?

Taylor: Ein erster Aspekt ist das zunehmende Interesse an Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen vonseiten der Mainstream-Investoren, nicht nur unter sozial verantwortlichen Unternehmen. Unsere Finanzdienstleistungen haben exponentiell zugenommen. Denn auch Banken und Private-Equity-Gesellschaften konzentrieren darauf, Systeme zur Messung von Risiken und Chancen durch Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen bei Akquisitionen, Corporate Finance und ihren eigenen Portfolios einzurichten. Das zunehmende Interesse ist am auffälligsten in den Bereichen Klima und Diversität. Es ist jedoch ein breiter, zugrundeliegender Umdenkprozess bezüglich der Art und Weise, wie Wirtschaft und Gesellschaft miteinander interagieren, merkbar. Dieser Fokus auf Nachhaltigkeit in der Finanzdienstleistungsbranche hat direkten Einfluss darauf, wie ernst Unternehmen das Thema nehmen. Wir stellen fest, dass Unternehmen zunehmend nach „Umwelt, Sozialem und Governance“ fragen und nicht nur nach Nachhaltigkeitsstrategien. Und diese Änderung der Terminologie stellt eine direkte Antwort auf die Anforderungen der Investoren dar.

Wir haben auch die Einführung und Weiterentwicklung international anerkannter Rahmenbedingungen zur Messung und Bildung nachhaltiger Unternehmensaktivitäten gesehen: Das Pariser Klimaabkommen, die Ziele für nachhaltige Entwicklung und die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte sind einige Beispiele dafür. Damit wird immer wichtiger, wie Unternehmen Nachhaltigkeitsbemühungen intern umsetzen und wie sie diese in Governance, Managementstrukturen und mögliche Anreize für Mitarbeiter und Partner integrieren.

Schließlich sehen wir auch eine Annäherung zwischen Fragen der Integrität und der Nachhaltigkeit. Eine äußerst hohe Transparenz bedeutet, dass sich Unternehmen so verhalten müssen, als könnte alles, was sie sagen oder tun, öffentlich werden. Das Vertrauen der Gesellschaft in die Wirtschaft sinkt, der soziale und politische Aktivismus nimmt zu (insbesondere in den USA) und die Einhaltung von Rechtsvorschriften ist kein zuverlässiger Indikator mehr für das Reputationsrisiko. Alle diese Trends erfordern ein Umdenken in Bezug auf den Umgang der Unternehmen mit einer Vielzahl ethischer Fragen.

Welche Vorteile hat es für ein Unternehmen, sich auf Nachhaltigkeit zu konzentrieren, und welche Risiken bestehen, wenn dieses Thema ignoriert wird?

Taylor: In diesem Punkt gibt es deutliche Hinweise darauf, dass ein Fokus auf Nachhaltigkeit das Wachstum langfristig steigert. Nachhaltigkeit kann auch zur Mitarbeiterbindung beitragen, insbesondere bei jüngeren Generationen1. Sie erhöht das Ansehen und vereinfacht den Zugang zu Kapital. Umweltmaßnahmen können die Betriebskosten senken; Maßnahmen, die sich auf den gesellschaftlichen Wert konzentrieren, können für Betriebsgenehmigungen von Vorteil sein. Umgekehrt signalisiert ein Ignorieren der Nachhaltigkeit zunehmend, dass das Unternehmen eine kurzfristige Denkweise an den Tag legt und die antiquierte Einstellung vertritt, dass die Auswirkungen eines Unternehmens auf Gesellschaft und Umwelt nur eine Folge „negativer externer Effekte“ sind. Eine derartige Denkweise ist mittlerweile für viele Konsumenten nicht mehr akzeptabel, wodurch Unternehmen, die so denken, Gefahr laufen, das Vertrauen von Öffentlichkeit und Investoren zu verlieren.

Was raten Sie einem Unternehmen, das sich verstärkt auf Nachhaltigkeit konzentrieren möchte?

Taylor: Im Mittelpunkt der Nachhaltigkeitsbemühungen der letzten Jahre standen die Definition von Themen, die sowohl im Interesse der Wirtschaft als auch der Allgemeinheit liegen, sowie ein entsprechendes Handeln: das Konzept der „gemeinsamen Werte“. Das ist eine Veränderung gegenüber früheren Interpretationen von Nachhaltigkeit, die lange als philanthropisch und vom Unternehmen getrennt oder als Maßnahme des Risikomanagements und der Compliance angesehen wurde. Heute liegt das Hauptaugenmerk auf dem Erkennen von Chancen und der Abstimmung mit den Geschäftsinteressen. Nachhaltigkeit ist ein weit gefasstes und sich ständig entwickelndes Konzept.

Unternehmen sollten Prioritäten setzen, eine klare Strategie verfolgen, die mit den primären Geschäftsinteressen übereinstimmt, und im Idealfall in einigen Schwerpunktbereichen eine Führungsrolle übernehmen.

Wie wichtig ist diese Führungsrolle?

Taylor: Äußerst wichtig. Die Funktion von Nachhaltigkeit ist in den Unternehmen inkonsistent und nicht klar definiert. Die Unterstützung von Vorstand und Aufsichtsrat ist entscheidend, um die Sichtbarkeit und Attraktivität von Nachhaltigkeitsmaßnahmen zu erhöhen. Vorreiter der Nachhaltigkeit, die eine starke Erfolgsbilanz in der Wirtschaft vorweisen können, haben in der Regel eine höhere Glaubwürdigkeit und können den organisatorischen Wandel vorantreiben, der für den Erfolg dieser Arbeit erforderlich ist. Wir glauben, dass Veränderungsmanagementfähigkeiten im Bereich der Nachhaltigkeit erheblich unterschätzt werden – die Fachkompetenz variiert enorm, aber ein ausgeklügelter Ansatz für die Organisationsdynamik ist immer hilfreich.

Gab es unerwartete Ergebnisse Ihrer letzten jährlichen Umfrage zu nachhaltiger Wirtschaft?

Taylor: Das ist das zehnte Jahr unserer jährlichen Umfrage ‚State of Sustainable Business‘2 und wir haben sie aktualisiert, um den neuen Trends Rechnung zu tragen. Ich war überrascht, dass sich Ethik und Integrität als die wichtigsten Themen für die Nachhaltigkeitsexperten in Unternehmen herausstellten, da diese Themen bisher in den Kompetenzbereich der Compliance-Teams fielen. Obwohl sich Unternehmen des Zusammenhangs zwischen Nachhaltigkeit und Reputationsmanagement eindeutig bewusst sind, sind sie offensichtlich noch nicht so weit, bestimmte Themen aufzugreifen, die der Öffentlichkeit wichtig sind. Unsere Partner bei Polecat führten Social-Media-Analysen und Online-Medienanalysen in den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance durch und fanden heraus3, dass der Lobbyarbeit und der Einflussnahme der Wirtschaft auf die Politik große Aufmerksamkeit geschenkt wurde – noch mehr als den Themen Klima, Wasser oder Diversität. Gleichzeitig zeigte sich, dass das Äußern von Bedenken hinsichtlich der politischen Einflussnahme bei Unternehmen keine Dringlichkeit hat.

Interessant war auch, dass Diversität und Inklusion als zweithöchste Priorität eingestuft wurden, sowie die Feststellung, dass 41 Prozent der Unternehmen sich bisher überhaupt nicht mit der #MeToo-Bewegung auseinandergesetzt haben. Es fehlt noch immer ein Fokus auf solch wichtige gesellschaftliche Themen wie Ungleichheit und Inklusion, was angesichts ihrer weitreichenden Auswirkungen auf unser Leben beunruhigend ist.

Die Umfrage ergab, dass künstliche Intelligenz der wichtigste „Megatrend“ im nachhaltigen Wirtschaften ist. Was bedeutet das?

Taylor: Ich denke, es könnte die enorme Aufmerksamkeit widerspiegeln, die Medien und Wirtschaft diesem Thema widmen. Unternehmen setzen sich mit der Tatsache auseinander, dass die Verwendung und der Missbrauch von Daten und Technologien nicht nur für Technologieunternehmen4, sondern für die meisten Unternehmen ein existenzielles Thema darstellen. Unvermeidliche Veränderungen erfolgen in Echtzeit und die Zukunft ist höchst ungewiss. Es gibt kein eindeutiges Manuskript für das weitere Vorgehen.

Wie werden Ihrer Meinung nach künstliche Intelligenz und Big Data Unternehmen in Zukunft verändern?

Taylor: Künstliche Intelligenz und Big Data haben das Potenzial, Lieferketten, die Interaktion mit den Kunden, Marktkenntnisse und vieles mehr zu verändern. Ein Missbrauch dieser neuen Möglichkeiten (absichtlich oder nicht) kann ein breites Spektrum von Menschenrechten verletzen und ein äußerst unethisches Verhalten darstellen. Wir stehen erst am Anfang der Bemühungen, die Möglichkeiten dieser leistungsstarken neuen Technologie zu verstehen, zu regulieren und zu verwalten.

Frau Taylor, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Salvatore Saporito.


Zur Person

Salvatore Saporito ist Associate Head of Sales und seit 2003 bei der LexisNexis GmbH. Er studierte an der Universität zu Köln Wirtschaftswissenschaften (Betriebswirtschaftslehre) mit dem Abschluss Diplom-Kaufmann. Er ist Mitglied im Deutschen Institut für Compliance (DICO), dem Berufsverband der Compliance Manager (BCM), in der DGI Fachgruppe Compliance sowie im österreichischen Compliance Praxis Netzwerk. Salvatore Saporito ist regelmäßig Referent zum Thema Geschäftspartnerüberprüfung.

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