Bestechungsvorwürfe gegen Novartis verdeutlichen Compliance-Risiken im Pharmasektor

Maßnahmen zum Schutz vor Korruption

Foto Salvatore Saporito, LexisNexis GmbH

Die kürzlich erhobenen Vorwürfe, dass Novartis in Griechenland Ärzte bestochen haben soll, zeigen wieder einmal, wie hoch das Bestechungs- und Korruptionsrisiko in der Pharmaindustrie ist. Wir erläutern, wo die Ursachen für dieses Risiko liegen und wie Unternehmen die Compliance-Risiken minimieren können.

Neue Märkte für Pharmaunternehmen lassen Bestechungs- und Korruptionsrisiko steigen

Im Dezember 2016 nahmen die griechischen Behörden Bestechungsermittlungen gegen den Schweizer Pharmakonzern Novartis auf. Während der laufenden Ermittlungen sagte der griechische Justizminister, Novartis habe möglicherweise „Tausende" Ärzte und Beamte bestochen, um den Verkauf der Produkte des Unternehmens zu fördern.1

Solche Vorwürfe werden nicht zum ersten Mal erhoben: Novartis ist in den letzten zwei Jahren fünfmal Gegenstand von Bestechungs- und Korruptionsermittlungen gewesen. 

  • Im Jahr 2015 legte Novartis Vorwürfe, Apotheken in den USA bestochen zu haben, damit diese Patienten bestimmte Medikamente empfehlen, durch eine Vergleichszahlung von 390 Millionen US-Dollar bei.
  • Im März 2016 zahlte Novartis in den USA 25 Millionen US-Dollar. Die US-Börsenaufsicht SEC (Securities and Exchange Commission) hatte den Vorwurf erhoben, Novartis habe zur Absatzförderung Mitarbeiter des chinesischen Gesundheitswesens bestochen.
  • Im August 2016 geriet Novartis ins Fadenkreuz der türkischen Behörden, nachdem ein anonymer Hinweisgeber die Anschuldigung erhoben hatte, Novartis habe sich durch die Zahlung von Schmiergeldern an staatliche Krankenhäuser geschäftliche Vorteile in Höhe von 85 Millionen US-Dollar verschafft. Diese Vorwürfe konnten bis heute nicht erhärtet werden.
  • Ebenfalls im August 2016 wurden in Südkorea sechs frühere und derzeitige Mitarbeiter von Novartis angeklagt, Ärzten „Rabatte" angeboten zu haben, um den Medikamentenabsatz anzukurbeln. Die Untersuchung lief bis April 2017. Dann wurde Novartis in Südkorea wegen Kickback-Zahlungen zu einer Strafe von 48,3 Millionen US-Dollar verurteilt. Außerdem wurde die Versicherungsdeckung für mehrere Medikamente des Unternehmens vorübergehend ausgesetzt.5

Novartis ist nur eines von vielen großen Pharmaunternehmen, das in den letzten Jahren mit Bestechungs- und Korruptionsvorwürfen konfrontiert war. 2012 zahlte Pfizer 60 Millionen US-Dollar zur Beilegung von in den USA erhobenen Schmiergeldvorwürfen. Angeblich hatten im Ausland ansässige Tochtergesellschaften des Unternehmens Amtsträgern im Gesundheitswesen Schmiergelder gezahlt, um eine behördliche Zulassung für Medikamente des Konzerns zu erlangen und den Absatz in zwölf Ländern zu steigern.6

2015 stimmte Bristol-Myers Squibb einer Zahlung von mehr als 14 Millionen US-Dollar zu, um Vorwürfe zu beseitigen, nach denen das Unternehmen staatliche Krankenhäuser in China mit Schmiergeldern zur Verschreibung von Medikamenten bewogen haben soll.7

Im Jahr 2016 wurde die höchste jemals einem Pharmaunternehmen auferlegte Strafe – und die branchenübergreifend vierthöchste Vergleichszahlung – wegen Verstößen gegen das US Korruptionsgesetz, den FCPA (Foreign Corrupt Practices Act) ausgehandelt. Teva Pharmaceuticals verständigte sich mit dem US-Justizministerium und der US-Börsenaufsicht gegen eine Zahlung von 519 Millionen US-Dollar auf eine Vereinbarung über die Aussetzung der Strafverfolgung.8 Dem Unternehmen war vorgeworfen worden, in der Ukraine, in Mexiko und in Russland gegen den FCPA verstoßen zu haben.

Drei Gründe für das hohe Compliance-Risiko in der Pharmaindustrie

Keine Branche ist immun gegen Bestechungs- und Korruptionsrisiken, aber die Pharmabranche ist diesen Gefahren besonders ausgesetzt. 

  1. Neue Märkte: Risiken und Chancen sind häufig eng miteinander verbunden. Das gilt auch für Unternehmen, die neue oder aufstrebende Märkte erschließen. Die betreffenden Länder haben unter Umständen weniger strenge Gesetze gegen Korruption. Möglicherweise gibt es dort auch eine Kultur, in der Schmiergelder einfach dazugehören, wenn „Dinge auf den Weg gebracht werden sollen". Dennoch können pharmazeutische Unternehmen Wachstum und Rentabilität nicht vorantreiben, ohne Märkte wie China zu bedienen, ein Land, das mit einer Bevölkerung von mehr als 1,3 Milliarden Menschen heute den weltweit zweitgrößten Markt für Arzneimittel darstellt. De facto bezogen sich fünf von sieben FCPA-Streitfällen, die 2016 mit Pharmaunternehmen oder Herstellern medizinischer Geräte im Rahmen eines Vergleichs beigelegt wurden, Verstöße in China oder Russland.9
  2. Breite Definition von ausländischen Amtsträgern: Pharmaunternehmen stehen in direktem Kontakt zu Ärzten, Apothekern und Krankenhausverwaltungen. Das mag vielleicht erst einmal nicht besonders riskant klingen. Aber in vielen Ländern tritt der Staat als Eigentümer und Betreiber von Gesundheitseinrichtungen auf. Somit werden zahlreiche Gesundheitsdienstleister gemäß FCPA-Definitionen als ausländische Amtsträger (PEPs) eingestuft. An die betreffenden Personen geleistete, nicht autorisierte Zahlungen werden also als Bestechung gewertet werden.
  3. Belohnungsbasiertes Marketing: Wenn nun Ärzte und Verwaltungsangestellte aus dem Gesundheitswesen als ausländische Amtsträger eingestuft werden, können Unternehmen im Rahmen ihrer Marketingmaßnahmen einem größeren Risiko ausgesetzt sein. Maßnahmen, die von einem Unternehmen als Marketingaktivitäten betrachtet werden, gelten bei Aufsichtsbehörden gegebenenfalls als Bestechung, sofern Mahlzeiten, Geschenke, Bargeld oder Unterhaltungsangebote im Spiel sind.

So können Pharmaunternehmen reagieren

Einiges deutet darauf hin, dass Unternehmen zunehmend die Wichtigkeit erkennen, weltweit die eigenen Compliance-Verfahren in Regionen zu optimieren, die mit einem hohen Risiko behaftet sind. Nach Beilegung der Bestechungsvorwürfe in China erklärte das Unternehmen Bristol-Myers Squibb, es habe seine für China geltenden Richtlinien geändert.10

Auch Glaxo Smith Kline versuchte, das potenzielle Bestechungsrisiko in China zu senken, indem Absatz und Vergütung von Mitarbeitern des Unternehmens entkoppelt wurden. Außerdem wurde die Zahlung von Referentenhonoraren an Ärzte eingestellt und auch die Spesen der Mitarbeiter werden nun sorgfältiger geprüft.

Vor Kurzem teilte Shannon Klinger, Chief Ethics and Compliance Officer von Novartis, in einem Interview mit, das Unternehmen plane „eine Wende von der Überwachung zum Coaching zu vollziehen". Eine eigene Compliance-Abteilung solle künftig „die lokalen Unternehmenseinheiten dabei unterstützen, die richtigen Entscheidungen zu treffen".11

Doch die Änderung der Richtlinien alleine kann keine vollständige Senkung der Compliance-Risiken bewirken. Wenn ein Unternehmen der Meinung ist, für eine Drittpartei bestehe nur ein geringes Bestechungs- und Korruptionsrisiko, kann eine einfache Due-Diligence-Prüfung ausreichend sein. Aber auch dann ist eine Recherche mit einer konventionellen Internetsuchmaschine möglicherweise unzureichend. So kann es sich nicht nur als schwierig erweisen, die gewonnenen Daten zu verifizieren. Wichtige Informationen können auch hinter Bezahlschranken (Paywalls) verborgen oder aufgrund von gesetzlichen Bestimmungen wie dem „Recht auf Vergessenwerden" in der Europäischen Union unzugänglich sein.

Wenn ein Unternehmen seine Tätigkeit auf andere Länder erstreckt oder auf Drittparteien in anderen Ländern angewiesen ist, besteht eine größere Notwendigkeit für erweiterte Due-Diligence-Prozesse, Dazu zählen auch Überprüfungen von Sanktionen, Listen politisch exponierter Personen (PEPs) und anderer Watchlists.

Pharmaunternehmen, die neue Märkte erschließen, müssen erkennen, dass effektive Due-Diligence-Verfahren in Bezug auf Drittparteien ein strategischer Faktor zur Stärkung eines nachhaltigen Geschäftswachstums sind. Wird dies versäumt, entstehen – wie am Beispiel von Novartis und anderen Pharmaunternehmen zu erkennen – schwerwiegende Compliance-Defizite, die eine Rufschädigung und kostspielige rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen können und sich damit auch nachteilig auf den Nettogewinn auswirken.

Wie im pharmazeutischen Bereich tätige Unternehmen Korruptionsrisiken effektiver senken können, erfahren Sie in unserem E-Book „Something Missing? Pharmaceutical & Life Sciences Third-Party Due Diligence"


Zur Person

Salvatore Saporito ist Business Development Manager Risk & Compliance und seit 2003 bei der LexisNexis GmbH. Er studierte an der Universität zu Köln Wirtschaftswissenschaften (Betriebswirtschaftslehre) mit dem Abschluss Diplom-Kaufmann. Er ist Mitglied im Deutschen Institut für Compliance (DICO), dem Berufsverband der Compliance Manager (BCM), in der DGI Fachgruppe Compliance, im österreichischen Compliance Praxis Netzwerk sowie in der American Chamber of Commerce. Salvatore Saporito ist regelmäßig Referent zum Thema Geschäftspartnerüberprüfung.


Quellen:

1 Greece investigates Swiss pharma for bribery, thelocal.ch, 10.04.2017
2 Novartis to pay $390 million in U.S. settlement over pharmacy kickbacks, reuters.com, 20.11.2015
3 Novartis to Settle SEC's China Bribe Case for $25 Million, Bloomberg.com
4 Case closed: Novartis, government found no merit in allegations in Turkey, fiercepharma.com, 12.08.2016
5 South Korea fines Novartis $48 million for doctor kickbacks, fcpablog.com, 28.04.2017
6 Pfizer agrees to pay $60M to settle foreign bribery case, washingtonpost.com, 07.08.2012
7 Bristol-Myers to pay SEC $14m to settle China bribery claim, ft.com
8 The 2016 FCPA Enforcement Index, fcpablog.com, 03.01.2017
9 A Record FCPA Year For Pharma, law360.com, 12.01.2017
10 Bristol-Myers Squibb shakes up China operations to combat bribery, ft.com, 08.03.2016
11 Novartis, slammed by Korean scandal, tweaks its ethics, compliance policies, fiercepharma.com, 15.05.2017

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