Neuer Standard für Ethical Sourcing

Ein Interview mit Elaine Mitchel-Hill, Leiterin Business & Human Rights bei Marshalls

Foto Salvatore Saporito, LexisNexis GmbH

Laut Schätzungen des Global Slavery Index leben weltweit etwa 45,8 Millionen Menschen in Sklaverei. Die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) schätzt, dass davon 40,3 % Opfer von Zwangsarbeit sind. Um Menschenhandel und die Ausbeutung von Arbeitskräften einzudämmen, präsentierte das weltweit führende Zentrum für Bauwissenschaften (Building Research Establishment/BRE), jüngst einen neuen Standard zum „Ethical Labour Sourcing“ (ELS) - BES 6002.1

Ein Bericht2 der britischen Joseph Rowntree Foundation unterteilt Unternehmen, in denen Zwangsarbeit vorkommt, in zwei Kategorien: private Produzenten und Vermittler wie Arbeitsagenturen. Zwangsarbeit aufzudecken, kann aufgrund der Komplexität moderner, mehrschichtiger Lieferketten eine enorme Herausforderung sein. Für Unternehmen, die sich das Ziel gesetzt haben, moderne Sklaverei aus ihrer Lieferkette zu verbannen, ist die Entwicklung einer Menschenrechts-Due-Diligence von zentraler Bedeutung.

Dr. Shamir Ghumra, Leiter für nachhaltige Produkte am Building Research Establishment, bemerkt3 dazu, dass „Due Diligence in Bezug auf Menschenrechte und eine ethisch korrekte Vorgehensweise im Organisations- und Supply-Chain-Management nicht nur aus moralischer, sondern auch aus strategischer Sicht von höchster Bedeutung sind.“

Das ethische Verhalten der Bauindustrie steht zunehmend auf dem Prüfstand, insbesondere durch den in der Öffentlichkeit vielbeachteten Bau von Sportstadien und Infrastrukturprojekten in Katar. Die gesamte Branche steht vermehrt vor der Herausforderung, sich mit Menschenrechtsverstößen und negativen Umweltauswirkungen auseinanderzusetzen. Die britische Ermittlungsbehörde Gangmasters and Labour Abuse Authority (GLAA), welche die Ausbeutung von Arbeitskräften verfolgt, hat das Bauwesen als Hoch-Risiko-Branche für moderne Sklaverei identifiziert. In Großbritannien erwirtschaftet die Baubranche pro Jahr 100 Milliarden Pfund.

Worum geht es beim ELS-Standard?

Die Vision des BRE ist, positive Veränderungen in der Bauwirtschaft zu ermöglichen. Zu diesem Zweck hat das BRE den Standard zur ethisch korrekten Beschaffung von Arbeitskräften – den Ethical Labour Sourcing Standard – entwickelt, um den Anforderungen des Modern Slavery Act gerecht zu werden, der neue Maßstäbe zur ethisch korrekten Arbeitskräftebeschaffung gesetzt hat. Der vom BRE ausgearbeitete Standard richtet sich vor allem an Unternehmen, die in Großbritannien tätig sind, wobei die Globalität vernetzter Lieferketten nicht außer Acht gelassen wird.

Mehr als 50 Stakeholder waren an der Entwicklung des Standards in beratenden Funktionen beteiligt, darunter auch die Regierungsbehörde Gang Masters Licensing Authority, das Schnellzugverbindungsprojekt HS2 sowie Nicht-Regierungs-Organisationen und Wissenschaftler.

Der Ethik- und Nachhaltigkeitsstandard des BRE bietet einen Rahmen für die Überprüfung der ethisch korrekten Beschaffung von Arbeitskräften4 und schafft einen Weg zur Prüfung von Produkten und Dienstleistungen.

Der Standard wurde entwickelt, um jenen Akteuren Anerkennung zu zollen, die ihre Drittparteirisiken überprüfen lassen möchten und den richtigen Weg für kontinuierliche Verbesserungen eingeschlagen haben. Damit kann der Standard auch als Werkzeug für die Verifizierung geschäftlicher Tätigkeiten angewendet werden.

Der Standard nutzt ein auf Ratings basierendes Schema mit Zertifizierung und bietet eine konsistente Benchmarking-Plattform. Er umfasst außerdem eine Matrix, die Unternehmen einen kontinuierlichen Aktionsplan zur Erfüllung ihrer längerfristigen Ziele und Ansprüche liefert.

Dieser Rahmen beinhaltet Kriterien zur Leistungsbeurteilung von Organisationen in zwölf Themenbereichen:

  1. Organisationsstruktur
  2. Managementrichtlinien
  3. Managementsysteme
  4. Sicherstellung, Compliance und Prüfung
  5. Personalwesen
  6. Immigration
  7. Beschaffung
  8. Supply-Chain-Management
  9. Bestechlichkeit und Korruption
  10. Lernen und Entwicklung
  11. Foren
  12. Reporting

Die Verifizierung basiert dabei nicht auf dem in den einzelnen Themenbereichen erzielten Reifegrad, sondern auf einer vereinbarten Reihe von Zielsetzungen.

Der Ethical Labour Sourcing Standard4 kann öffentlich eingesehen werden.

In einem Interview erläutert Dr. Shamir Ghumra, warum Baufirmen jeder Größe ihre Verpflichtungen zur Bekämpfung moderner Sklaverei ernstnehmen und auf die entsprechende Gesetzeslage reagieren sollten. „Natürlich gibt es zunächst einmal die grundlegenden gesetzlichen Bestimmungen des Modern Slavery Act für Unternehmen ab einer bestimmten Größe. Für Organisationen, die sich jedoch mit Blick auf die heutigen Marktbedingungen und Erwartungen hinsichtlich gesellschaftlich verantwortungsvoller Unternehmensführung besser rüsten möchten, ist es absolut unumgänglich, sich mit den Problemen moderner Sklaverei auseinanderzusetzen, und zwar über den Rahmen der gesetzlichen Vorgaben hinaus. Dies ist zur Absicherung der aktuellen und zukünftigen Geschäftstätigkeit absolut notwendig”, so Ghumra. „Auch wenn es schwierig ist, das Konzept guter Praktiken für alle verständlich zu machen, glaube ich doch, dass es branchenübergreifend noch einige Lektionen zu lernen gibt. So zum Beispiel über die Art der Zusammenarbeit mit Unternehmen in herausfordernden Regionen der Welt.“

Lektionen von Unternehmen, die die Standards anwenden

Die VGC Group ist das erste Unternehmen der Schienenverkehrsbranche, die den ELS-Standard eingeführt haben. Sie ist eines von nur drei Unternehmen bisher. Die VGC Group hat sich eine Reihe von Zielen gesetzt, um potenziellen Risiken durch die Ausbeutung von Arbeitskräften entgegenzuwirken. In einer Pressemitteilung5 wird ein Prüfbericht zitiert, laut dem die VGC auf einem Niveau weit über den Mindestanforderungen des ELS-Standards operiere.

Bei den beiden anderen ELS-zertifizierten Unternehmen handelt es sich um Marshalls und Sir Robert McAlpine. Elaine Mitchel-Hill, Leiterin Business & Human Rights bei Marshalls, erläuterte in einem persönlichen Gespräch das Engagement ihres Unternehmens für die ethisch korrekte Beschaffung von Arbeitskräften.

Frau Mitchel-Hill, warum sollten sich Baufirmen jeder Größe mit ihren Verpflichtungen und den gesetzlichen Vorgaben zu moderner Sklaverei auseinandersetzen?

Mitchel-Hill: Aus geschäftlicher Perspektive erlebt die gesetzliche Regulierung von Menschenrechten derzeit einen Aufschwung. Die Problematik der Sklaverei wird – völlig zu Recht – im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit bleiben. Organisationen, die sich nach wie vor nicht umfassend mit den Problemen der modernen Sklaverei auseinandersetzen und nur unwesentliche Anstrengungen zur Risikominimierung unternehmen, setzen nicht nur Menschenleben aufs Spiel, sondern verpassen außerdem die Gelegenheit, dank ethisch korrekter Geschäftspraktiken und einer nachhaltigen Unternehmenspolitik ihren Wettbewerbsvorteil auszubauen.

Was ist Ihrer Meinung nach die richtige Vorgehensweise?

Mitchel-Hill: Für viele Unternehmen wäre es überaus einfach, „Risikominimierung“ zu betreiben, aber den eigentlichen Antrieb dafür, nämlich die wahren Opfer moderner Sklaverei, dabei aus den Augen zu verlieren. Man würde nur den Anschein erwecken, die Anforderungen des Modern Slavery Act zu befolgen. Natürlich handelt es sich um eine überaus komplexe Aufgabe. Es gibt Länder in weltweiten Lieferketten, in denen es keine oder eine nur sehr schwach ausgeprägte Infrastruktur zur Unterstützung der Unternehmen bei der Verbannung moderner Sklaverei gibt. Dabei ist für Marshalls aber immer klar, dass die Opfer moderner Sklaverei im Zentrum unserer Strategie stehen. Gute Praxis beginnt mit einer Strategie, die die Opfer in den Mittelpunkt stellt.

Wie können Unternehmen Fortschritte messen und Erfolge nachvollziehbar präsentieren?

Mitchel-Hill: Es braucht eine klar definierte Reihe von Messgrößen, die wir in unserem Bericht End Modern Slavery6 näher betrachten.

Wenn man nur eine einzige Sache umsetzen könnte, wofür sollte man sich entscheiden?

Mitchel-Hill: Man sollte alle Menschen im gesamten Unternehmen dazu befähigen, erste Anzeichen moderner Sklaverei zu erkennen, und ihnen die Möglichkeit geben, diese in einem sicheren Umfeld auch melden zu können.

Worin liegt für Sie der Wert von ELS?

Mitchel-Hill: Die unabhängige ELS-Prüfung von Drittparteien hebt unsere Produkte und Dienstleistungen vom Angebot unserer ‚Mitbewerber‘ ab, von denen manche nach wie vor fadenscheinige und unhaltbare Angaben über die ethische Korrektheit ihrer weltweiten Lieferketten machen. Unsere geschätzten Kunden, Zulieferer, Aktionäre, Angestellten und Partner können sich weiterhin zu Recht auf die anhaltende Einhaltung der Standards für die ethisch korrekte Beschaffung von Arbeitskräften und unsere konkreten Maßnahmen im täglichen Umgang mit den komplexen Fragen vor Ort verlassen.

In Marshalls Stellungnahme zu moderner Sklaverei, die gemäß den Vorgaben des britischen Modern Slavery Act veröffentlich wurde, sind die Strategien des Unternehmens zur Bekämpfung moderner Sklaverei dargelegt.

Frau Mitchel-Hill, vielen Dank für das Gespräch.


Einblicke des Institute of Human Rights and Business

Das Institute for Human Rights and Business (IHRB)7 war maßgeblich daran beteiligt, das Risiko der Ausbeutung von Arbeitskräften in weltweiten Lieferketten sichtbar zu machen. Das Institut engagiert sich aktiv für die Gestaltung von Gesetzen und die Förderung von Verfahren zur Stärkung der Rechenschaftspflichten von Unternehmen, um so eine Verwässerung der Menschenrechte zu verhindern.

Neill Wilkins, Programm-Manager für Arbeitsmigranten am IHRB, war bei der Vorstellung des ELS-Standards dabei. Er sprach anschließend über seine Einblicke zur modernen Sklaverei und der Bedeutung des Standards: „Ich glaube, dass die politischen Maßnahmen bezüglich der modernen Sklaverei einen nicht von der Hand zu weisenden Einfluss auf Unternehmen in allen Branchen haben. Bis jetzt war es vielleicht so, dass ein Großteil der diesbezüglichen Aufmerksamkeit auf Unternehmen fiel, für die die Beziehung zu ihren Kunden eine besonders wichtige Rolle einnimmt. Doch seit dem Inkrafttreten des UK Modern Slavery Act konnten wir beobachten, wie das Engagement ganzer Industriezweige über verschiedenste Branchen hinweg zunahm und die Unternehmen nun evaluieren, was in ihren Lieferketten vor sich geht. Die Geschäftswelt hat begriffen, dass es für sie ein Risiko darstellt, wenn in betrieblichen Abläufen Praktiken moderner Sklaverei aufgedeckt werden.”

Zur Bedeutung des ELS-Standards sagte Wilkins: „Der ELS-Standard ist nützlich, weil er für alle einen gemeinsamen Arbeitsrahmen bietet –  ein einheitliches Set an Kriterien, festgelegt durch einen Prozess, an dem mehrere Stakeholder beteiligt sind. Der ELS-Standard bietet eindeutige Kennzahlen, damit Unternehmen messen können, wo sie stehen. Und natürlich hoffen wir auch, dass die Unternehmen nicht einfach nur innerhalb des Standards in ihrer Komfortzone bleiben, sondern dass sie den Standard auch als Plattform für weitere Veränderungen und Verbesserungen ihrer Praktiken nutzen werden.”

„Zur guten Praxis gehört es außerdem, effektive Due-Diligence-Prozesse umzusetzen und herauszufinden, was genau im Betrieb vor sich geht – und das gilt für alle Unternehmen, egal ob sie Waren oder Dienstleistungen anbieten. Insbesondere für Bauunternehmen bedeutet dies, dass man sich ganze Ketten von Unterauftragnehmern genau ansehen und im Bewusstsein handeln muss: All diese Menschen gehören zu meinen Arbeitskräften.”

Streben nach Best Practice

Auch wenn zahlreiche Standards von Unternehmen den Nachweis eines gewissen Reifegrades im Umgang mit den maßgeblichen Anforderungen (zum Beispiel ISO 14001) verlangen, wird das Ethical-Labour-Sourcing-Konzept, in dem Unternehmen in Bezug auf ihren Fortschritt evaluiert werden, hoffentlich zu Strategien führen, die über das einfache „Abhaken“ einzelner Punkte hinausgehen.


Zur Person:

Salvatore Saporito ist Teamleiter Europa Risk & Compliance und seit 2003 bei der LexisNexis GmbH. Er studierte an der Universität zu Köln Wirtschaftswissenschaften (Betriebswirtschaftslehre) mit dem Abschluss Diplom-Kaufmann. Er ist Mitglied im Deutschen Institut für Compliance (DICO), dem Berufsverband der Compliance Manager (BCM), in der DGI Fachgruppe Compliance sowie im österreichischen Compliance Praxis Netzwerk. Salvatore Saporito ist regelmäßig Referent zum Thema Geschäftspartnerüberprüfung.


Quellen:

1 Ethical Labour Sourcing Standard (BES 6002), bregroup.com
2 Forced labour's business models and supply chains, jrf.org.uk, 18.11.2013
3 BRE launches online tool for ethical labour sourcing, showhouse.co.uk, 10.04.2018
4 BRE Environmental and Sustainability Standard , 2017
5 VFC achieves Ethical Labour Standard, vgcgroup.co.uk, 07.02.2018
6 End Modern Slavery Report 2017, Marshalls 
7 Institute for Human Rights and Business, ihrb.org

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