Große Pharmaunternehmen in Schwellenländern: Wird die bisher lockere Compliance-Kultur nun verschärft?

Foto Salvatore Saporito, LexisNexis GmbH

Eine Branche im Blickpunkt der Behörden

Wenige Branchen sind einem solch hohen Risiko ausgesetzt, wie die Pharmaindustrie. Behörden legen einen immer stärkeren Fokus auf die strafrechtliche Verfolgung von Unternehmen und Personen, die ihre Pflichten im Kampf gegen Bestechung und Korruption vernachlässigen. Pharmaunternehmen sollten sich daher insbesondere in Ländern mit hohem Compliance-Risiko stark auf eine robuste Due Diligence konzentrieren. In vielen Schwellenländern ist das Korruptionsrisiko enorm. Nordkorea beispielsweise liegt im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International (TI) mit 8 von 100 Punkten auf dem letzten Platz von 167 gelisteten Nationen. Südkorea liegt mit 56 Punkten auf Platz 37 und Deutschland liegt im Vergleich auf dem zehnten Platz mit 81 Punkten.1 0 Punkte bedeutet, dass ein Land als sehr korrupt wahrgenommen wird und 100 Punkte zeugen von völliger Korruptionsfreiheit. Die jüngsten Bestechungs-Vorwürfe gegen Novartis Korea, lenkten die Aufmerksamkeit wieder auf die Pharmaindustrie. Dies ist jedoch keineswegs der erste aufsehenerregende Korruptionsprozess in dieser Branche. Es gibt viele Beispiele von großen multinationalen Unternehmen, die den Preis für eine nachlässige Compliance-Kultur zahlen mussten. Die Vorfälle zeigen, wie wichtig es für internationale Pharmaunternehmen ist, genaue Informationen über die Zulieferkette zu haben und warum eine robuste Due Diligence in risikoreichen Ländern einer der besten Wege ist, das Risiko zu minimieren.

Eine unvorsichtige Einstellung, die Milliarden kostet

Im Februar 2016 zahlte SciClone Pharmaceuticals mehr als 12 Millionen US-Dollar wegen eines Verstoßes gegen den Foreign Corrupt Practices Act (FCPA)2. Internationale Tochterunternehmen leisteten illegale Zahlungen an staatliche Gesundheitseinrichtungen in China. 2011 wurde Johnson & Johnson, das zweitgrößte Pharmaunternehmen der Welt, mit einem Bußgeld von 70 Millionen US-Dollar bestraft, nachdem sie sich zu Bestechungs-Vorwürfen bekannt hatten. Johnson & Johnson leistete Kickback-Zahlungen an den Irak, um Aufträge zum Verkauf von Medikamenten und Kunstgelenken zu erhalten. Der Irak ist laut dem TI Korruptionswahrnehmungsindex auf Platz 161 eines der risikoreichsten Länder.3

Schluss mit nachlässiger Compliance-Kultur

Der verstärkte Fokus der Behörden auf strafrechtliche Verfolgung von Bestechungs- und Korruptions-Verbrechen auf beiden Seiten des Atlantiks könnte der Auslöser für eine bessere Compliance-Kultur in der internationalen Pharmaindustrie sein.

In einem Bericht des OECD Symposiums für Anti-Korruptions-Entwicklungshilfe, erklärt Robert Klitgaard, weltweit führender Spezialist für Korruption, ein analytisches Modell zur erfolgreichen Erfüllung der Korruptions-Richtlinien: „Metaphorisch gesehen entspricht Korruption einer Formel: Korruption ist gleich Monopolmacht plus Ermessensfreiheit minus Rechenschaftsplicht: K = M + E - R. Um Korruption zu vermeiden, muss Monopolmacht verringert, die Ermessensfreiheit begrenzt und die Rechenschaftspflicht verstärkt werden.4

Das Yates-Memo, ein neuer Ansatz des amerikanischen Justizministeriums, um Personen für Compliance-Verstöße haftbar zu machen, setzt den Aspekt der verstärkten Rechenschaftspflicht in die Realität um.

Ende 2015 wurde Carl Reichel, der Präsident von Warner Chilcott, einem Tochterunternehmen von Allergen, festgenommen. Er wurde beschuldigt, Kickback-Zahlungen für Geschäftsessen mit Ärzten zu nutzen, um den Verkauf verschreibungspflichtiger Medikamente zu steigern. Reichel hatte die Zahlung der straf- und zivilrechtlichen Bußgelder von 125 Millionen US-Dollar schon akzeptiert.

Es ist sehr schwierig, die Schuld eines Geschäftsführers eines großen Konzerns festzustellen. Um es mit den Worten des Yates-Memos zu sagen: „Verantwortung kann bei mehreren Personen liegen und Entscheidungen werden nicht immer nur auf der Führungsebene getroffen." Trotzdem sollte der Fokus der Behörden auf persönlicher Haftbarkeit bei internationalen Unternehmen in risikoreichen Ländern dazu führen, dass auch dort die Compliance-Kultur eine größere Wichtigkeit erlangt.

Weltweit rechtliche Auswirkungen

Während der FCPA die Regulierungen des US-Justizministeriums auch nach Europa und Übersee ausweiten möchte, setzt auch der UK Bribery Act die Pharmaunternehmen mit den neuen Definitionen von „Handelsorganisationen" und „verbundenen Personen" gezielt unter Druck.

Der UK Bribery Act könnte einen großen Einfluss auf Geschäftstätigkeiten in Schwellenländern haben, bei denen die Beteiligung von ausländischen Amtsträgern für neue Haftungsrisiken sorgen könnte. Teil 6 des Bribery Acts zur Bestechung ausländischer Amtsträgers bezieht auch Ärzte und andere medizinische Berufe mit ein.

Die fehlende Verbindung

Pharmaunternehmen bemühen sich häufig nicht genug darum, sich selbst vor den Risiken, speziell in Schwellenländern, zu schützen. Nur die robuste Due Diligence Dritter kann helfen, die Gefahren in einer für Korruption sehr anfälligen Industrie zu verringern. Reguläre Compliance und die Zahlung von Bußgeldern reichen nicht mehr aus. In risikoreichen Gebieten müssen Unternehmen sorgfältige Due Diligence Checks für alle verbundenen dritten Parteien durchführen, inklusive Geschäftspartner und Lieferanten. Bei einer robusten Due Diligence sollten diese Parteien auf Sanktions-, Watch- und PEP-Listen sowie Nachrichten- und Firmenquellen überprüft werden.

Diese Maßnahmen helfen Pharmaunternehmen nicht nur, sich vor Bestechungsvorwürfen und Rufschädigung zu schützen, sondern auch vor einem Ruin im Falle eines unvorhersehbaren Vorfalls. Bei Verstößen gegen Anti-Korruptions- oder Bestechungs-Gesetze prüfen Behörden das beschuldigte Unternehmen wohlwollender, wenn effektive Due Diligence Maßnahmen Teil der Compliance-Kultur sind. Mit dem UK Bribery Act kann Firmen ein „Deferred Prosecution Agreement", eine Vereinbarung über die Aussetzung der Strafverfolgung gewährt werden. Und mit dem FCPA gibt es eine Kronzeugenregelung, wenn „umfassende Due Diligence Checks ein ernsthaftes Interesse zeigen, FCPA-Verstöße aufzudecken oder zu verhindern."5


Zur Person

Salvatore Saporito ist Business Development Manager Risk & Compliance und seit 2003 bei der LexisNexis GmbH. Er studierte an der Universität zu Köln Wirtschaftswissenschaften (Betriebswirtschaftslehre) mit dem Abschluss Diplom-Kaufmann. Er ist Mitglied im Deutschen Institut für Compliance (DICO), im österreichischen Compliance Praxis Netzwerk sowie im American Chamber of Commerce. Salvatore Saporito ist regelmäßig Referent zum Thema Geschäftspartnerüberprüfung.


1+3 Corruption Perceptions Index 2015 von Transparency International 
2 Rechtliche Grundlagen zur Einhaltung von Compliance-Vorschriften
4 Addressing Corruption Together by Robert Klitgaard
5 Due Diligence Guidance

Diesen Blog-Beitrag teilen:


Melden Sie sich zum zweimonatlich erscheinenden LexisNexis Newsletter an.