So wägt ein international tätiger Wirtschaftswissenschaftler politische und wirtschaftliche Risiken ab

Ein Interview mit Simon Baptist, Economist Intelligence Unit (EIU)

Simon Baptist, Economist Intelligence Unit (EIU)

Für die letzte Ausgabe unserer Interview-Reihe sprachen wir mit Simon Baptist von der Economist Intelligence Unit (EIU). Über einhundert Wirtschaftswissenschaftler und Experten analysieren bei der EIU politische und wirtschaftliche Risiken für einige der größten Unternehmen weltweit. Simon Baptist ist Global Chief Economist und Managing Director des für Asien zuständigen Bereichs. Er verriet uns, wie Unternehmen Risiken effektiv identifizieren und vermeiden können.

Wie definieren Sie wirtschaftliches Risiko?

Baptist: Die EIU ist eine Organisation zur Erstellung von Prognosen. Insofern ist alles, was mit mehr als 50 % Wahrscheinlichkeit eintreten könnte, für uns eher eine grundlegende Voraussage als ein Risiko. Risiken sind alles, was mit weniger als 50 % Wahrscheinlichkeit eintreffen könnte.

Meine Einstellung gegenüber wirtschaftlichen Risiken ist ähnlich wie die zu anderen Arten von Risiken. Der erste Schritt jeder Risikoanalyse besteht darin, die eigene Anfälligkeit zu verstehen. International tätige Unternehmen sind in verschiedenen Ländern auch unterschiedlich risikoanfällig. Möglicherweise bestehen finanzielle Risiken oder Risiken im Zusammenhang mit der lokalen Infrastruktur. Man muss verschiedene Punkte entlang der Versorgungskette betrachten und somit zunächst einmal das Netzwerk an potenziellen Auswirkungen verstehen, das ein wirtschaftliches Risiko mit sich bringt. Wenn man sich das anschaut, merkt man häufig, dass für ein bestimmtes Land eine größere Risikoanfälligkeit besteht, als man zuerst angenommen hatte, weil unter Umständen drei oder vier Versorgungsketten durch dieses Land verlaufen. Insofern besteht der wichtige erste Schritt darin, die Landkarte der Anfälligkeit zu verstehen.

Es ist für Unternehmen wichtig, sich einen sehr breiten Überblick über die möglichen wirtschaftlichen Risiken zu verschaffen. Wir bei der EIU betrachten Wirtschaftsrisiken in einer Vielzahl verschiedener Kategorien. Wirtschaftliche Risiken können den Bankensektor, Währungen oder Kapitalverkehrskontrollen umfassen. Sie können makroökonomische Risiken beinhalten – Risiken für die Inflationsaussichten oder das Risiko einer Krise der Zahlungsbilanzen. Es gibt Risiken im Hinblick auf Infrastrukturen oder Änderungen der Regierungspolitik, was bestimmte Gesetze oder Steuerregelungen angeht. Das Rechtssystem von Ländern stellt ein Risiko dar sowie die Frage, wie fair Verträge zwischen örtlichen und ausländischen Unternehmen abgeschlossen werden beziehungsweise ob es überhaupt zu solchen Abschlüssen kommt. Und natürlich gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Arten von Korruption.

Wie sollten Unternehmen potenzielle Risiken überwachen?

Baptist: Nachdem das Unternehmen seine potenziellen Risiken identifiziert hat, muss es zu aktuellen Nachrichten und Ereignissen bezüglich dieser Themen auf dem Laufenden bleiben. Es kann ziemlich schwierig sein, bei solchen Themenkomplexen die Fülle an Informationen sinnvoll zu verarbeiten. Es gibt zigtausende von Nachrichtenseiten. Wenn Sie also Artikel über bestimmte Länder suchen, können Sie sich vor lauter Informationen vermutlich kaum retten. Das Problem besteht weniger darin, Dinge herauszufinden, sondern vielmehr, sie auch verarbeiten zu können und herauszufinden, was wirklich wichtig ist.

Eine weitere Herausforderung ist die Tatsache, dass aus Ländern, in denen eine Risikoanfälligkeit besteht, viele Themen in den Mainstream-Medien nicht unbedingt behandelt werden. Denn Risiken sind, per definitionem, Dinge, die noch nicht passiert sind oder möglicherweise noch nicht einmal besonders wahrscheinlich sind. Man muss daher eine gewisse Vorstellung davon haben, wie die Risikoverteilung aussehen könnte, wie wahrscheinlich die verschiedenen Ereignisse sind, wie folgenschwer die jeweiligen Risiken sind und inwiefern sie sich auf das eigene Unternehmen auswirken könnten.

Unternehmen müssen auch darüber nachdenken, welcher finanzielle Wert mit ihrer Anfälligkeit einhergeht, um zu verstehen, inwieweit sie verschiedenen Risiken ausgesetzt sind. Unternehmen könnten davon profitieren, einen Risikoexperten um professionellen Rat bitten – auch was die Frage angeht, welche Risikoereignisse man überhaupt in Betracht ziehen sollte. Externe Experten können Unternehmen bei Überlegungen zu möglichen Szenarien, die in den Ländern ihrer Tätigkeit plausibel sein könnten, helfen. Wüssten Sie zum Beispiel, welche Probleme mit der Infrastruktur in Indonesien auftreten könnten?

Es gibt viele Themen, die Abteilungen für Risikomanagement berücksichtigen müssen, insbesondere angesichts der Tatsache, dass etliche solcher Abteilungen eher knapp besetzt sind. Externe Risikoexperten können dabei helfen, ihre Ressourcen sinnvoll einzusetzen.

Wie sollten Unternehmen ihre Risiken handhaben?

Baptist: Nachdem die verschiedenen Risiken identifiziert wurden, müssen sie vom Unternehmen priorisiert werden. Bei der EIU betrachten wir die Priorisierung aus zwei Perspektiven: Wir überlegen uns erstens, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Ereignis eintreten wird, und zweitens wie schlimm es wäre, wenn es eintreten würde. So können wir eine allgemeine Risikointensität berechnen und die Risiken in eine Rangfolge bringen. Es gibt Millionen möglicher Risiken, und daher versuchen wir, die fünf wesentlichen Risiken für ein bestimmtes Land in Erfahrung zu bringen.

Sind diese erst einmal identifiziert, muss das Unternehmen einen umsetzbaren Plan entwickeln, um auf diese Risiken vorbereitet zu sein. Es ist sinnvoll, sich Gedanken über die Warnsignale zu machen: Was sind die Anzeichen oder Ketten von Ereignissen, die dazu führen könnten, dass das Risiko zur Realität wird? Unternehmen sollten ein System einrichten, um Frühwarnsignale zu erhalten, falls sich Risiken zu etwas entwickeln, mit dem man wirklich rechnen muss. Und es müssen verschiedenen Szenarien geplant werden, um die jeweiligen Auswirkungen bei einem tatsächlichen Eintreten des Risikos abzuschätzen, und wie man diese in Grenzen halten könnte.

Wie unterscheiden sich die Risiken von Land zu Land?

Baptist: Es gibt beträchtliche Unterschiede zwischen den Risiken in den verschiedenen Märkten. So ist zum Beispiel das Risiko, keine Zahlungen aus einem Land zu erhalten, in Europa im Allgemeinen sehr gering. In Großbritannien ist es im Moment etwas höher. Das liegt an den Unwägbarkeiten im Zusammenhang mit dem Brexit und der Integration des dortigen Finanzmarkts. In Schwellenmärkten in Asien hingegen ist es viel größer, vor allen Dingen in Indonesien, Vietnam und Indien.

Andererseits kann die politische Instabilität in bestimmten Schwellenländern sehr gering sein, weil es sich um Diktaturen handelt und die Regierung viel mehr Kontrolle über bestimmte Vorgänge hat. Daher haben einige Länder wie Vietnam oder Laos ziemlich niedrige Sicherheitsrisiken, weil die Regierung das Land so fest im Griff hat. Insofern müssen Unternehmen sich verschiedene Risikokategorien vor Augen halten und sich überlegen, was für eine bestimmte Firma wirklich wichtig ist. Das Ergebnis hängt von Finanzen, Steuern, Politik und der Effizienz der öffentlichen Einrichtungen ab.

Können Sie ein Beispiel für einen Markt mit einem höheren Risiko nennen?

Baptist: Laut unserer Einschätzung bei der EIU weist Myanmar eine der höchsten Stufen an geschäftlichen Risiken in Asien auf. Unternehmen müssen oftmals Umweltgutachten durchführen lassen, ehe sie in Myanmar tätig werden können. Aber das ist inzwischen zu einem politischen Stellvertreterkrieg zwischen der burmesischen Mehrheit in der Hauptstadt und zentralen Region des Landes und den ethnischen Gruppierungen an der Peripherie geworden. Besonders sensibel sind Investitionen von chinesischen Firmen. Denn die burmesische Regierung befürwortet Investitionen aus China, weil diese Investoren weniger Wert auf die Menschenrechtsbilanz und den Umgang mit dem Volksstamm der Rohingya legen. Aber auf lokaler Ebene verwenden regierungskritische Gruppierungen ihren Einfluss, um die Lizenzen für Umweltgutachten einzufrieren.

Ausländische Unternehmen werden in diesen Stellvertreterkrieg verstrickt. Insofern müssen Beraterfirmen darauf gefasst sein, die Beziehungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppierungen und dem Zentrum und die örtliche Einstellung zur Umwelt zu verstehen, sich die Geschichte der Projekte vor Augen halten, die in der Gegend erfolgreich waren beziehungsweise gescheitert sind, und sich anschauen, aus welchem Land die Investoren stammen – chinesische Investoren haben beispielsweise ein höheres Risiko.

Welche Risiken bestehen in den weiter entwickelten Märkten?

Baptist: In diesem Jahr konzentrieren sich politische Risiken viel mehr auf die entwickelten Märkte. Die Risiken, die durch politische Instabilität verursacht werden, haben mit der Wahl von Trump, dem Brexit und dem Aufkommen populistischer Parteien in Europa zugenommen. Aus diesem Grund haben sich die Risiken von finanziellen Verlusten durch politische Instabilität in den USA, Großbritannien und dem übrigen Europa als weitaus höher erwiesen als in den Schwellenmärkten.

Schwellenmärkte sind generell immer noch riskanter, aber die Summen, um die es dabei geht, sind deutlich geringer, und die dort tätigen Unternehmen sind an höhere Risikoniveaus gewöhnt. Bei der EIU unterscheiden wir fünf Risikokategorien, in denen wir Länder von 0 (geringes Risiko) bis 100 (hohes Risiko) bewerten, und die USA, Großbritannien und Deutschland stufen wir inzwischen in die zweitniedrigste Risikokategorie ein: zwischen 20 und 40. Das ist derselbe Wert wie der der Schwellenmärkte Malaysia und Chile, von denen man normalerweise ein geringeres Risiko erwarten würde. Aber die steigenden politischen Risiken in den entwickelten Märkten haben ihre Folgen.

Glauben Sie, dass das Verständnis wirtschaftlicher Risiken Unternehmen dabei helfen kann, ein nachhaltiges Wachstum zu erzielen?

Baptist: Die Antwort ist Ja! Das Verständnis wirtschaftlicher Risiken ist entscheidend für nachhaltiges Wachstum, vor allem für Unternehmen, die international tätig sind. Ereignisse, die wirtschaftliche Risiken mit sich bringen, können ganze Geschäftsbereiche von Unternehmen komplett auf den Kopf stellen. Man ist beispielsweise nicht dazu in der Lage, Geld von einem Land aus zu überweisen. Viele Firmen haben während des Arabischen Frühlings Verluste gemacht, in Ländern, die zuvor als extrem stabil galten, wie Ägypten, Libyen oder Algerien.

Natürlich war der Arabische Frühling ein überraschendes Ereignis, denn er wurde von einer Reihe ganz bestimmter Ereignisse ausgelöst, wie dem Protest in Tunesien, der einen Schnellballeffekt hatte. Aus diesem Grund konnte man nicht genau voraussagen, wann und wie es passieren würde. Aber die wachsende Unzufriedenheit der jungen Menschen in der arabischen Welt, der Mangel an wirtschaftlichen Möglichkeiten und der soziale Druck im Vorfeld hätten es durchaus möglich machen sollen, auf ein solches Ereignis gefasst zu sein.

Es geht also nicht darum, auf die exakten Veränderungen vorbereitet zu sein, sondern darum sich Gedanken über die möglichen Konsequenzen und die nötigen Vorsichtsmaßnahmen zu machen. Beispielsweise wäre es in den Ländern, in denen der Arabische Frühling passiert ist, für Unternehmen sinnvoll gewesen, wenn sie Sicherheitsmaßnahmen vorbereitet und sich stärker in den örtlichen Gemeinden engagiert hätten.

Gibt es Beispiele, die Sie besonders hervorheben können?

Baptist: Ein Unternehmen, das wirtschaftliche Risiken ernst nimmt, ist der chinesische Telekommunikationsanbieter Huawei. Es ist in etlichen Ländern aktiv, in denen die örtliche Telekommunikation streng reguliert ist. Daher werden diese Themen sehr ernst genommen und Huawei widmet ihnen Aufmerksamkeit auf der obersten Firmenebene.

Das heißt nicht, dass die internationale Expansion dieses Unternehmens völlig reibungslos verläuft und nichts Unvorhergesehenes passiert. Aber es wird weniger von wirtschaftlichen Risiken überrascht als einige andere Unternehmen.

Simon Baptist, herzlichen Dank für das Gespräch.

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