Zwangsarbeit und Einkommensungleichheit in Ihrem Einkaufswagen?

Foto Salvatore Saporito, LexisNexis GmbH

Wie lange würde eine Frau in einer typischen Garnelen verarbeitenden Fabrik in Indonesien oder Thailand brauchen, um das Jahresgehalt eines Firmenchefs eines großen Lebensmitteleinzelhändlers zu verdienen? 4.000 Jahre! Das ist nur eine der bestürzenden Statistiken in der Oxfam-Kampagne „Fairness eintüten!“ (#BehindTheBarcode1), mit der Oxfam Zwangsarbeit im Lebensmittelsektor an den Pranger stellt. Im Rahmen der Kampagne bewertete Oxfam große Supermarktketten anhand ihrer Richtlinien und Maßnahmen im Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen; von der Zahlung von Hungerlöhnen bis hin zu gefährlichen und unhygienischen Arbeitsbedingungen. So kam der deutsche Lebensmittel-Discounter Aldi mit 10.000 Filialen in 20 Ländern beim Supermarkt-Check2 gerade einmal auf 1 % der möglichen Punktzahl. Allerdings erzielte kein einziges Unternehmen mehr als 23 %.

Zugegeben, es ist eine Herausforderung, das Zwangsarbeitsrisiko in Lieferketten zu erkennen. Doch welche Maßnahmen können Unternehmen zur Risikominderung ergreifen?

Zwangsarbeit stärker bekämpfen und laufend überwachen

Der Preisdruck, dem große Lebensmitteleinzelhändler ausgesetzt sind, sorgt oftmals bei den Kleinbauern und Arbeitern für übermäßigen wirtschaftlichen Druck. Und das, obwohl gerade sie dafür sorgen, dass unsere Regale stets gefüllt sind. Der UK Modern Slavery Act3 und das kalifornische Gesetz zur Lieferkettentransparenz (‚Transparency in Supply Chains Act‘) verpflichten Unternehmen dazu, offenzulegen, wie sie gegen moderne Sklaverei in ihrer Lieferkette vorgehen. Solche öffentlichen Versprechen können helfen, die Situation zu verbessern.

In der Oxfam-Studie ‚Die Zeit ist reif‘ (im Original ‚Ripe for Change‘4) werden die Handelspraktiken der 16 größten Lebensmitteleinzelhändler in Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien und den USA bewertet. Vier deutsche Supermarktketten bilden dabei das Schlusslicht. Dies ist teilweise darauf zurückzuführen, dass diese ‚Big Four‘ über 50 % des Kaufpreises für sich behalten und weniger als 8 % bei den Kleinbauern und Arbeitern landen. Zu den Missständen gehören:

  • Pflichtüberstunden – Arbeiter leisten viel Arbeit zu Niedriglöhnen und ohne Vergütung von Überstunden.
  • Zu hohe Produktionsziele – Arbeiter werden gezwungen, unmögliche Standards zu erfüllen, was ebenfalls zu Überstunden führt.
  • Aufgezwungene Anwerbegebühren – Arbeiter müssen übertrieben hohe Gebühren für die Stellenvermittlung zahlen und verschulden sich so, bevor sie überhaupt Lohn erhalten.
  • Beschlagnahmung persönlicher Dokumente – Arbeitsimmigranten sind besonders dadurch gefährdet, dass Arbeitgeber Reisedokumente oder andere Ausweispapiere beschlagnahmen. Die Arbeiter können so der Gefährdung und Ausbeutung am Arbeitsplatz kaum entkommen.
  • Vom Arbeitgeber kontrollierte Unterbringung – Landarbeiter nehmen häufig teure, aber minderwertige, vom Arbeitgeber gestellte Unterkünfte in Anspruch. Die Kosten werden vom Lohn abgezogen. Dies sorgt für schlechte Lebensbedingungen und zu wenig Geld für den Kauf von Lebensmitteln.

Im Bericht ‚Die Zeit ist reif‘ steht dazu: „Es ist einer der grausamsten Widersprüche unserer Zeit, dass die Menschen, die unsere Nahrung produzieren, und deren Angehörige selbst nicht genug zum Essen haben.“

Best Practices zum Schutz von Arbeitern und Bauern

Oxfam entwickelte den Supermarkt-Check auf der Grundlage internationaler Normen und von Experten empfohlener Best Practices in Bezug auf Arbeiter, Transparenz, Kleinbauern und Frauen. Als eine dieser Best Practices soll ein leitender Angestellten die „explizite Verantwortung zur Sicherstellung der Einhaltung von Menschenrechten in der Lieferkette tragen“. Dies gilt jedoch nicht nur für Supermarktketten. Regelwerke gegen Geldwäsche, Bestechung, Korruption und Zwangsarbeit stellen unter Beweis, dass die Einhaltung von Vorschriften ganz oben anfängt.

Eine weitere Best Practice ist ein klares Bekenntnis zu den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte. Von der Einhaltung dieser Prinzipien sowie der UN-Ziele in Bezug auf nachhaltige Entwicklung profitieren neben Mensch und Umwelt auch Unternehmen. Denn Investoren erwarten zunehmend, dass sie die ethischen, sozialen und ökonomischen Normen nach den ESG-Kriterien erfüllen. Und Verbraucher belohnen Einzelhändler für ihr Ethical Sourcing und die Wahrnehmung ihrer unternehmerischen Gesellschaftsverantwortung.

Um potenzielle Probleme frühzeitig zu erkennen, können Unternehmen außerdem die Überprüfung von Geschäftspartnern bei der Aufnahme neuer Geschäftsbeziehungen (Onboarding Due Diligence) mit der laufenden, regelmäßigen Überprüfung bestehender Geschäftspartner, Lieferanten und anderer Drittparteien kombinieren. Keine Organisation ist allein in der Lage, der Zwangsarbeit ein Ende zu bereiten. Doch wenn mehr Unternehmen strenge Auflagen zur Risikominderung aufstellen und ihre Zulieferer dazu verpflichten, dasselbe zu tun, wird dies über 14 Millionen getäuschten, betrogenen beziehungsweise zur Arbeit gezwungenen Menschen auf der ganzen Welt zugutekommen.

Quellen:

1 Fairness eintüten - Der Supermarkt Check
2 Why is Oxfam campaigning against ALDI?, 16.10.2018
3 Berichterstattung unter dem UK Modern Slavery Act: Erste Erkenntnisse
4 Supermärkte im Check: ein katastrophales Ergebnis, 21.06.2018


Zur Person

Salvatore Saporito ist Teamleiter Europa Risk & Compliance und seit 2003 bei der LexisNexis GmbH. Er studierte an der Universität zu Köln Wirtschaftswissenschaften (Betriebswirtschaftslehre) mit dem Abschluss Diplom-Kaufmann. Er ist Mitglied im Deutschen Institut für Compliance (DICO), dem Berufsverband der Compliance Manager (BCM), in der DGI Fachgruppe Compliance sowie im österreichischen Compliance Praxis Netzwerk. Salvatore Saporito ist regelmäßig Referent zum Thema Geschäftspartnerüberprüfung.

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