Compliance – Trägheit schützt vor Strafe nicht.

Interview Kutschera

Herr Dr. Kutschera, international agierende Unternehmen sehen sich in der Pflicht, umfassende Compliance-Strukturen zu implementieren. Was sind die Haupttreiber?

Konsequente Strafverfolgung mit zum Teil massiven Auswirkungen auf Unternehmen und deren Geschäftsführung macht es immer wichtiger für Unternehmen die Einhaltung von Gesetzen durch Compliance-Strukturen sicherzustellen.

International agierende Unternehmen müssen dabei einen ganzen Blumenstrauß von lokalen als auch internationalen Gesetzen wie beispielsweise Anti-Korruptions-, Datenschutz-, Kartell-, Urheber-, als auch Umwelt- und Sozialgesetze beachten und ausbalancieren.

In den letzten Jahren haben vor allem Anti-Korruptionsgesetzgebungen wie der Foreign Corrupt Practices Act (FCPA) oder der seit Mitte 2011 gültige UK Bribery Act zunehmend an Bedeutung gewonnen. Mit dem Ziel der Vermeidung von Bestechung und Korruption im öffentlichen und privatwirtschaftlichen Bereich, fordern sie von Unternehmen auch die Integritätsprüfung ihrer nationalen und internationalen Geschäftspartner.

Gleichzeitig muss von Unternehmen das für die jeweiligen Geschäftspartner lokal geltende Datenschutzrecht berücksichtigt werden, welches in verschiedenen Ländern durchaus unterschiedlich streng gehandhabt wird. Ein Unternehmen, das viele ausländische Geschäftsbeziehungen hat, muss genau wissen, welche Daten im Rahmen einer Integritätsprüfung erhoben und gespeichert werden dürfen.

Dadurch ist es gerade für international agierende Unternehmen wichtig, ganzheitliche und übergreifende Compliance-Strukturen aufzubauen.

Welche Konsequenzen können mangelhafte Compliance-Strukturen im schlimmsten Fall haben?

Die möglichen Schäden reichen von Reputationsschäden und Kundenverlusten verbunden mit finanziellen Schäden bis hin zu hohen Strafzahlungen für die Unternehmen und sogar Gefängnisstrafen für das Management.

Zudem erfordert die Behebung von Compliance-Verstößen erhebliche Anstrengungen über meist sehr lange Zeiträume von mehreren Jahren. Die Aufmerksamkeit des Managements ist dann oft erheblich von den eigentlichen geschäftlichen Aufgaben abgelenkt. Dies führt in der Regel zu einem nachhaltigen Wettbewerbsnachteil.

Es gibt zahlreiche Fälle bekannter Weltkonzerne auch mit Hauptsitz in Deutschland, die von ausländischen Gerichten zu empfindlichen Strafen verurteilt wurden. Überhaupt wurden 9 von 10 Höchststrafen im Rahmen des FCPA über nicht US-amerikanische Unternehmen verhängt.

Studien zufolge sind außerdem 65 % der Beschuldigten im Rahmen von FCPA-Fällen leitende Führungskräfte und die konkreten Fälle selbst oft Bestechungen, die von externen Geschäftspartnern an ausländische Amtsträger gezahlt wurden. Dieses Risiko steigt, wenn man in attraktive Schwellenländer expandieren möchte, in denen das Korruptionsrisiko sehr hoch ist.

Was muss man Ihrer Meinung nach im Umgang mit Geschäftspartnern berücksichtigen?

Unternehmen sollten für ihre Geschäftspartner den Anspruch haben, dass diese über den gesamten Lebenszyklus der Geschäftsbeziehung im Einklang mit der bestehenden Rechtslage und nach ethischen Grundsätzen handeln. Dazu ist es ab einem gewissen Geschäftsmodelrisiko notwendig bei der Auswahl und bei Bedarf auch in regelmäßigen Abständen eine Prüfung des Geschäftspartners und eventuell auch damit verbundener Transaktionen durchzuführen. Die Anforderungen an die Zusammenarbeit sollten vertraglich in Form von Anti-Korruptionsklauseln aufgenommen werden. Zur Minimierung des Integritätsrisikos hilft eine klare Kommunikation der Erwartungshaltung an den Geschäftspartner in Form von Richtlinien und in manchen besonders risikobehafteten Fällen zeigt sich auch die Notwendigkeit für Geschäftspartnertrainings. Schließlich sollten für den Fall der Fälle entsprechende Eskalationsprozesse und Maßnahmen etabliert sein, um Compliance Vorfälle schnell und umfassend aufzuklären und zu lösen.

Unternehmen sollten aber einige Prinzipien bei der Einführung eines Geschäftspartner-Integritätsmanagements beachten, um gleichzeitig effektiv und effizient zu sein. Im Vordergrund steht ein risikobasierter Ansatz, der sich auf Geschäftspartner mit risikobehafteten Geschäftsmodellen fokussiert. Idealerweise erfolgt eine Integration des Integritätsmanagements in die Geschäftsprozesse. Zum Beispiel sollten in einem Vertriebspartnerauswahlprozess neben finanziellen und technischen Risiken gleichzeitig die Integrität mit überprüft werden. Die Einschätzung und auch die Verantwortung für einen Geschäftspartner sollten am besten bei der Geschäftseinheit liegen, die diesen auch im alltäglichen Geschäft betreut.

Es hat sich gezeigt, dass ein Integritätsmanagement der Geschäftspartner sogar zu einer besseren Transparenz über Geschäftspartner führen kann und durch den Einsatz standardisierter Prozesse und Tools die Geschäftsprozesse und -risiken optimiert werden.

Zur Person:

Dr. Hans-Jörg Kutschera ist Partner bei Booz & Company. Er berät seit fast einem Jahrzehnt führende Unternehmen in den Branchen Automobil, Industriegüter als auch Luft- und Raumfahrt. Er fokussiert sich dabei auf Themen rund um Governance, Risk und Compliance als auch Supply Chain Management. In diesem Zusammenhang hat er bereits mehrere globale Hersteller und Zulieferer bei umfassenden Transformationsprojekten begleitet. Dr. Hans-Jörg Kutschera studierte Physik an der Universität Ulm und University of Massachusetts Amherst und promovierte in diesem Fach an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

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