Digitalisierung erhöht das Risiko von Urheberrechtsverletzungen

Foto Barbara Reißland, Library Consult

Frau Reißland, die Digitalisierung ermöglicht zunehmend das einfache und schnelle Teilen von Informationen. Wie schätzen Sie das Risiko ein, dass dadurch Urheberrechte verletzt werden?

Das Risiko ist schon sehr groß, aber so wie ich es im Berufsalltag im Rahmen meiner Beratungstätigkeit sehe, wird es nicht als Solches wahrgenommen. Fakt ist ja, dass das Teilen von Informationen nicht nur möglich ist, sondern in unserer digitalisierten Gesellschaft und in digitalisierten Unternehmen regelrecht gefordert wird.

Jedoch nur wenige Unternehmen machen sich tatsächlich Gedanken über eventuelle Urheberrechte. Das möchte ich mal an zwei Beispielen verdeutlichen.

Erstes Beispiel: Ein Unternehmensmitarbeiter leitet ein PDF-Dokument eines Artikels an einen Externen weiter. Der Externe stellt fest, dass das Dokument beschädigt ist, und wendet sich direkt an den Verlag. Dieser teilt ihm mit, dass er eine nicht legale Kopie bekommen hat. Das Pikante an diesem Beispiel ist, dass es dem Unternehmensmitarbeiter gar nicht bewusst war, dass durch diese Weiterleitung das Urheberrecht verletzt wurde – „war doch nur eine Kopie".

Zweites Beispiel: Ein Unternehmen hat zu einer Tagung PDF-Artikel aus Zeitschriften zu eigenen Produkten einfach nur ausgedruckt, statt Sonderdrucke zu bestellen. Dummerweise war ein Vertreter der VG Wort auf der Messe unterwegs, der nach genau solchen Fällen fahndet. Das Unternehmen wurde vom Verlag angemahnt. Dieser Fall wurde wie übrigens die meisten solcher Verstöße hinter verschlossenen Türen verhandelt, so dass man in der Öffentlichkeit in der Regel von solchen Fällen nichts mitbekommt.

Beide Fälle zeigen, dass es kaum ein Bewusstsein für Urheberrechtsverletzungen gibt und dass oft die Meinung vorherrscht, dass dem Unternehmen die Inhalte gehören, wenn sie sie gekauft haben, und sie sie einfach weiterverwenden können.

Was sind Ihrer Erkenntnis nach die größten Herausforderungen?

Die größte Herausforderung ist meiner Meinung nach tatsächlich eine moralische. Urheberrechtsverletzungen werden fast als Kavaliersdelikte gesehen. Dies liegt vermutlich daran, dass man immer die verschiedenen Rechte vermischt - also Urheberrecht, das den Urheber schützen soll und Verwertungsrechte, die einem Verlag die Einnahmen sichern. Inzwischen gibt es ja sogar politische Parteien, die sich für ein grenzenlos offenes Urheberrecht einsetzen. Und viele Nutzer finden nichts Falsches daran, teuer erworbenen Content mit anderen zu teilen.

Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.

In größeren Unternehmen versuchen Information Professionals diese Aufklärungsarbeit zu leisten. Es besteht jedoch ein großer Konflikt zwischen den Erwartungen des Endnutzers (nämlich alles machen zu dürfen) und den Möglichkeiten des Information Professionals, diese Bedürfnisse zu erfüllen. Die größte Hürde für Copyright Compliance sind die damit verbundenen Kosten. Benötigt wird eigentlich eine Volllizensierung des verfügbaren Contents – das ist aber mit dem vorhandenen Budget von Informationsabteilungen häufig nicht zu bezahlen.

Es werden also andere Lösungen gesucht, die etwas günstiger sind und dabei dem Endnutzer die Auseinandersetzung mit komplizierten Compliance-Prozessen in Hinblick auf Nutzungs- und Urheberrechte ersparen.

Sehen Sie Möglichkeiten, wie das Risiko der Urheberrechtsverletzung in Unternehmen minimiert werden kann?

Das geht nur über Information, Information und nochmals Information.

Die Information Professionals oder Compliance Officer in Unternehmen – sofern überhaupt vorhanden – müssen selber für die Thematik sensibilisiert sein und ihre Kollegen regelmäßig schulen.

An möglichst vielen Stellen darf der Hinweis auf Copyright Informationen nicht fehlen und dieser sollte auch leichtverständlich verfasst sein. Hier sind auch die Verlage gefordert, leicht verständliche und auffindbare Urheberrechts-Hinweise zu platzieren - wenn sie die Einhaltung ihrer Urheberrechte wahren möchten.

Information Professionals sollten außerdem Best Practices auf prominenter Seite (z. B. Firmenintranet – Startseite) bereitstellen, die an Beispielen zeigen, was man machen darf.

Eine andere Möglichkeit ist zum Beispiel die Einführung von Systemen, die dem Nutzer per Mausklick anzeigen, was er mit einem Artikel machen darf (z. B. die Mobile Library von Infotrieve, RightsLink von RightsDirect) bzw. ihm die Möglichkeit geben, sofort die benötigten Rechte zu erwerben.

Man schließt sowieso mit jedem Verlag oder Content Anbieter Verträge ab, die normalerweise die Grundnutzungsbedürfnisse im Unternehmen abdecken. Daneben kann man jetzt auch eine VG Wort Digital Copyright Lizenz abschließen, die Mitarbeitern Rechte zur Nutzung von Informationsquellen bereitstellt.

Am wichtigsten ist aber eine Unternehmensrichtlinie zum korrekten Umgang mit geschützten Inhalten – und dass diese auch gelebt wird, von der Chefetage bis nach unten. Denn das größte Risiko für Urheberrechts-Compliance ist nun mal der Mensch.

Zur Person: CV

Barbara Reißland arbeitet seit 2009 selbständig als LIBRARY CONSULT mit den Schwerpunkten Projekt Management, Training und Beratung für Information Management, insbesondere in den Bereichen Urheberrecht bzw. Copyright, Information Audits, Auswahl geeigneter Content Provider und Partner für Outsourcing von Information Services.
Frau Reißland hat einen Doppel-Master in Politologie (1996) sowie Informations- und Wissensmanagement (2013). Vor ihrer Selbstständigkeit war sie 13 Jahre als Information Professional in verschiedenen Pharma-Unternehmen tätig.
Frau Reißland ist Vorstandsmitglied der DGI sowie Mitglied im PAID (www.paid.de) (Pharma Arbeitskreis Information & Dokumentation) und aiim (www.aiim.org).

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