Market Intelligence in der Branchen- und Regionsentwicklung

Interview Market Intelligence in der Branchen- und Regionsentwicklung

Herr Wolf, Sie arbeiten als Leiter Branchen- und Regionsentwicklung für die FrankfurtRheinMain GmbH, der internationalen Standortmarketinggesellschaft für die Region FrankfurtRheinMain. Market Intelligence ist dabei ein zentrales Tätigkeitsfeld in Ihrer Funktion. Wie können wir uns Ihre Arbeit vorstellen?

Das Rhein-Main Gebiet ist eine wirtschaftsstarke Region und gehört zu den internationalsten Metropolregionen Europas. Die Branchen- und Clusterdynamik ist bemerkenswert und für internationale Investoren oft nicht sichtbar genug. Wir sind sozusagen eine „Inward Investment Agency", das heißt wir betreiben Standortwerbung im Ausland und versuchen, ausländische Unternehmen davon zu überzeugen, sich in unserer Region anzusiedeln.

Dafür benötigen wir natürlich eine klare Vorstellung davon, auf welche Branchenschwerpunkte wir uns fokussieren und welche unsere Zielländer sind. Unsere Absicht ist es, Lücken zwischen unserer Region und den Zielländern zu schließen, also international expandierende Unternehmen zu identifizieren, deren Produktportfolio in unseren Markt passt.

Außerdem müssen wir kontinuierlich unsere Mitbewerber beobachten. Das bedeutet, dass wir Nachrichten über andere Metropolen im In- und Ausland verfolgen. Mit den Ergebnissen erstellen wir dann einen Städte- bzw. Regionsvergleich, um daraus unsere Differenzierungsmerkmale und die Argumentation für FrankfurtRheinMain zu erarbeiten.

Welche Informationen über Branchen und Länder benötigen Sie für Ihre Marktbeobachtung?

Wir brauchen Zugriff auf eine Vielzahl von internationalen Datenbanken: Pressequellen, Branchen- und Marktinformationen sowie Firmeninformationen, die wir in hohem Maße strukturieren und segmentieren können.

Wie gesagt, unsere Region ist sehr wirtschaftsstark und nicht auf ein Cluster fokussiert. So suchen wir gezielt nach Branchenstudien in Logistik, Chemie, Pharma, Biotechnologie, Green Technology, IT, Software, Automotive und Finanzen. Außerdem selektieren wir Firmeninformationen zum Beispiel nach Anzahl der Marktteilnehmer pro Region oder nach Anzahl der Unternehmen mit dem gleichen Produktportfolio in der Region. Diese Marktinformationen werden dann für unsere potentiellen Kunden in einem Report zusammengefasst.

Was die Zielländer betrifft – unser Fokus liegt zurzeit auf USA, China, Indien, Südkorea, Vietnam, Japan sowie Ost- und Westeuropa –, so sind es sehr viele unterschiedliche Fakten, die wir benötigen:

  • Volkswirtschaftliche Daten
  • Informationen zum Unternehmenspotenzial, das wir aus der Entwicklung der Unternehmensgründungen ermitteln
  • Angaben zum Arbeitskräftepotenzial

Diese Angaben fließen in eine Matrix, mithilfe derer wir unsere strategische Ausrichtung flexibel festlegen.

Außerdem ermitteln wir über unsere ausländischen Repräsentanzen und hier im Inland, welche Branchentrends sich im Ausland herauskristallisieren. So war beispielsweise zu erkennen, dass kurze Zeit nach Einführung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes in Deutschland der Solarmarkt in China förmlich boomte und wir in der Folge einige chinesische Unternehmen aus der Branche in unserer Region ansiedeln konnten. Zurzeit sehen wir auch, dass im asiatischen Raum eine starke Entwicklung im Bereich Green Technology, zum Beispiel Smart Grid oder Smart Metering, stattfindet.

Was passiert, wenn Sie Ihre Markt- und Brancheninformationen konsolidiert haben? Wie gehen Sie dann weiter vor?

Im Zielmarkt schauen wir uns dann gezielt innerhalb der Firmendatenbank die Unternehmen aus dem avisierten Marktsegment an. Wir prüfen Faktoren, die Hinweise darauf geben, ob das Unternehmen insgesamt wächst oder international expandiert. Wir versuchen herauszufinden, ob das Unternehmen neue Vertriebswege oder Vermittler sucht. Wenn diese Angaben positiv sind, kommt das Unternehmen auf unseren Radar. Außerdem schauen wir uns die Organisationsstruktur und das Management an. Sind dort Personen mit einem internationalen Hintergrund, zum Beispiel mit einem Studium in Europa, oder hat das Unternehmen eine Tochtergesellschaft in den USA? Denn unsere Erfahrung zeigt, dass die Hemmschwellen für eine Expansion nach Deutschland geringer sind, wenn es bereits persönliche oder berufliche Berührungspunkte und Netzwerke im Ausland gibt.

In unserer Region würden wir prüfen, ob es in der Branche Forschungseinrichtungen oder innovative ausgerichtete Universitäten gibt und mit diesen Kontakt aufnehmen. Wir würden uns außerdem die Wettbewerbssituation vor Ort bei konkreten Produkten anschauen. Wenn für das Produktportfolio eine logistische Infrastruktur relevant ist, dann stellen wir natürliche alle bedeutsamen Standortargumente in aggregierter Form zusammen, um über den Markt und deren Potenziale sowie Innovations- und Beschäftigungsmöglichkeiten zu informieren. Wir können hierbei auf ein breites Netzwerk wie die Wirtschaftsförderer vor Ort in unserer Region zurückgreifen.

Diese und weitere Informationen benötigen wir für unsere potentiellen Kunden, um unsere Region für sie so attraktiv wie möglich zu machen. Wir bieten ihnen damit eine Orientierungshilfe und hoffen, dass wir die Entscheidung positiv für unsere Region beeinflussen können.

Zur Person

Harald Wolf ist seit 2011 Leiter Branchen- und Regionsentwicklung bei der FrankfurtRheinMain GmbH International Marketing of the Region. Harald Wolf hat einen Abschluss als Master of Science „Empirische Ökonomik und Politikberatung" von der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg / Institut für Wirtschaftsforschung Halle. Darüber hinaus hat er eine berufsbegleitende Ausbildung zum „PR-Berater/-Referent" an der Deutschen Presseakademie Berlin (depak) abgeschlossen.

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