Unwissend Unbekanntes entdecken

Ein Rückblick auf die 5. DGI-Praxistage

Foto Thomas Stöckle, Global Head of Evaluation & Insights, LexisNexis BIS

„Ich weiß, dass ich nichts weiß", soll Sokrates gesagt haben. Und spätestens seitdem der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld globale Sicherheitsrisiken in "known knowns, known unknowns, und unknown unknowns" unterteilte, sind wir uns auch des "unbekannten Unbekannten" bewusst. In unserem Internetzeitalter, wo riesige und schnell wachsende Mengen an Informationen online verfügbar sind, sind solche philosophischen Betrachtungen von (Nicht-)Wissen von aktueller Bedeutung. Wer im Internet und in Datenbanken recherchiert, findet viel – und immer mehr – Informationen. Wertvoll werden Informationen immer dann, wenn aus ihnen Wissen wird. Big Data ist somit erst als Big Knowledge wirklich interessant.

Auf den 5. DGI-Praxistagen am 12. und 13. November mit dem diesjährigen Thema „Informationsvisualisierung – Hype oder Trend?" fiel mir insbesondere ein Vortrag mit dem bezeichnenden Untertitel auf: „Systematisch unknown Unknowns entdecken". Der Referent Prof. Dr. Martin Grothe wurde dabei wahrscheinlich von Rumsfelds Sicherheitsphilosophie inspiriert. Allerdings war er mit dem von ihm vorgestellten Programm zum computerlinguistischen Echtzeitmonitoring auch nicht weit vom sokratischen Grundgedanken entfernt.

Geeignete Methode, wenn Suchbegriffe fehlen

Seit Soziale Medien und Netzwerke online den schieren Informationsfluss traditioneller Medien vervielfacht haben, ist das Bewältigen des „Kommunikationslärms" zu einer Kernherausforderung für Märkte, Organisationen und Individuen geworden. Eine Lösung versprechen computergestützte Analysemodelle, die amorphen Lärm in relevante Signale verwandeln. Systematisch das unbekannte Unbekannte entdecken – das klingt ein bisschen so, als wollte man die Nadel im Heuhaufen finden, bevor die Nadel überhaupt zur Nadel wird. Dies mag manchen zu weit hergeholt klingen.

Wer jedoch Trends, Veränderungen und neue Ausrichtungen von Themen und Diskussionen im Internet aus geschäftlicher Sicht erkennen muss – welcher Unternehmensstratege und Information Professional sollte das nicht? –, wird hellhörig. Der Ansatz ist klar und einfach strukturiert: Aus unterschiedlichen Online-Kommunikationskanälen werden Listen extrahiert, aus welchen wiederum die Häufigkeit bestimmter verwendeter Wörter (die ich vorher bei meiner Suche noch nicht eingegeben hatte, weil ich sie nicht wusste) herausgelesen wird. Das Ergebnis ist bereits ein erster Ansatz, einen Trend zu erkennen. Nun kann ich in einem neuen Ansatz gezielt mit diesen Wörtern weiterrecherchieren und Trends sowie aufkommende Themen vertiefen beziehungsweise als Trend verifizieren. Dieser iterative, experimentierende Ansatz eignet sich, wenn einem die Suchbegriffe fehlen, um in ein Thema einzusteigen oder wenn man komplett Neues finden und verstehen will.

Visualisierungsbeispiele aus der Praxis

5. DGI-Praxistage - Referent Thomas StöckleDas Hauptthema der 5. DGI-Praxistage war die Visualisierung von Daten und die Frage, ob es sich dabei um einen Hype oder tatsächlich schon um einen Trend handelt. Die Antwort, dass sich Visualisierung längst zum Trend entwickelt hat, lieferten mehrere Referenten anhand konkreter Anwendungsfälle. So zeigte Prof. Bernhard Thull von der Hochschule Darmstadt, wie Visualisierung von Krankheitsverläufen in der medizinischen Forschung dazu beitragen kann, dass Ärzte schneller erkennen, wenn irgendetwas schief läuft – ein Zeitvorsprung, der Leben retten kann. Ein anderes Beispiel lieferte die Schweizer Bundesbahn RBB, die bei der Analyse von Verspätungsminuten und der Wagenauslastung in Echtzeit die Daten-Visualisierung zu Hilfe nimmt, um die Komplexität und wechselseitige Abhängigkeit von Ursachen und Effekten besser zu verstehen, und Geschäftsentscheidungen daraus abzuleiten, die zu einer besseren Kundenerfahrung führen sollen.

„Von Plato zu Snapchat"

Auch wir von LexisNexis waren auf der Veranstaltung vertreten. An der Podiumsdiskussion am Kaminabend mit dem Thema „Sagt ein Bild wirklich mehr als 1000 Worte?" sowie in meinem Vortrag zum Thema „Von Plato zu Snapchat – Kommunikationsanalyse und Visualisierung" hatte ich die Gelegenheit, das Thema Daten-Visualisierung von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Ob Daten-Visualisierung nun Hype oder Trend ist, dazu mag es ja unterschiedliche Sichtweisen geben. Aber letztlich sind sich ja alle einig, dass die anschwellende Informationslawine angemessener Methoden und Werkzeuge bedarf, um Information in Wissen, und Wissen in praktische Einsichten und gute Entscheidungen zu verwandeln. Unsere Werkzeuge zur Akquisition und Anreicherung von Informationen und die daraus folgende Visualisierung von Analysen und Einsichten sollen Anwendern helfen, schneller zu besseren Entscheidungen zu kommen.5. DGI-Praxistage - Plenum, Publikum

Die Verbildlichung der Welt?

Zunehmend sind sich Kommunikations-Experten der Paradoxie bewusst, dass Informationsüberfluss von persönlichen (Online-)Gesprächen herrührt. Wer sich durch den Lärm hindurch Gehör verschaffen will, der muss in eingänglichen Bildern Geschichten erzählen. Dabei finden wir uns dann alle in Höhlen wieder, um Lagerfeuer gedrängt Geschichten erzählend, und zuhörend.

Bezugnehmend auf Plato könnte man sagen: Wenn in Anlehnung an das Höhlengleichnis der Mensch die Gesamtheit der Daten nur begrenzt erfassen kann, so kann Visualisierung helfen, das Wesentliche schneller zu erkennen. Um aber die richtigen Daten zum richtigen Zeitpunkt im richtigen Zusammenhang und in der richtigen Form zur Vefügung zu haben – dazu reicht moderne Visualisierung alleine nicht aus. Deshalb setzt LexisNexis auch künftig auf die Verknüpfung verschiedener Methoden und Technologien, von der Akquisition und Anreicherung zur Analyse von Daten, und schliesslich zur Datenbankrecherche mit Visualisierungsfunktion.


Zur Person

Thomas Stöckle ist seit Ende 2014 Global Head of Evaluation & Insights bei LexisNexis BIS.

Sein Tätigkeitsbereich umfasst die Beobachtung und Analyse traditioneller und zunehmend auch sozialer Medien, die Entwicklung innovativer Forschungsmethoden und -ansätze, sowie die Unterstützung und Beratung von Klienten in Fragen angewandter Kommunikationsforschung.

Seit 15 Jahren in London ansässig, hat er als Projektmanager, Forschungsleiter und Geschäftsführer verschiedener Forschungs- und Beratungsagenturen in der Arbeit mit internationalen Firmen in den Bereichen Medienresonanzanalyse, strategische Kommunikationsplanung und Unternehmenskommunikation die rasante Entwicklung insbesondere im Bereich Onlinemedien und Datenverarbeitung, speziell im englischsprachigen Raum, hautnah miterleben können. Zunehmend umgeben von ‚Digital Natives', fühlt er sich dennoch wohl als ,Digital Neanderthal'.

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